Herr Mangelsdorf, der Staatssicherheit die eigene Wohnung zur Verfügung zu stellen, erweckt den Eindruck einer zweifelhaften Nähe zum DDR-System ...
Der Eindruck täuscht. Ich habe zu keiner Zeit für die Staatssicherheit gearbeitet, geschweige denn mündlich oder schriftlich für die Staatssicherheit Berichte geliefert. Im Gegenteil, es wurden über mich Berichte durch die Stasi erstellt.
Aber Sie haben eine Verschwiegenheitserklärung des MfS unterzeichnet?
Meine spätere Frau lebte 1983 in Berlin-Oberschöneweide mit der einjährigen Tochter in einer Einraumwohnung. Die Wohnung war feucht. Sie hatte kein Badezimmer und die Toilette, eine Treppe tiefer, nutzten mehrere Mietparteien. Das war zu DDR-Zeiten vereinzelt noch Standard. Das führte aber auch dazu, dass unsere Tochter an schwerer Bronchitis erkrankte. Meine Frau arbeitete beim Rundfunk. Sie fehlte oft wegen des kranken Kindes. Ein Kollege sprach sie dann an, er könne ihr eine andere Wohnung vermitteln. Die Bedingung war, dass das MfS ein Zimmer der Zweizimmer-Wohnung nutzen würde. Darauf ist sie in ihrer Not eingegangen.
Wann haben Sie von dem Arrangement erfahren?
Mitte 1985. Da zogen wir zusammen. Das MfS verlangte von mir eine Verschwiegenheitserklärung. Die Nutzung der Wohnung dauerte dann noch anderthalb Jahre.
Wie muss man sich das vorstellen? Sie saßen beim Abendbrot, und nebenan verhörte die Stasi jemanden?
Bis auf das Leisten meiner Unterschrift habe ich nie jemanden gesehen. Die Kontakte zwischen der Stasi und ihren Informanten fanden in unserer Abwesenheit statt. Die Leute vom MfS hatten einen Schlüssel zur Wohnung und nutzten ein Zimmer. Das andere war abgeschlossen.
Fühlt man sich nicht unbehaglich in so einer Situation 
und gab es Möglichkeiten, die Vereinbarung zu been
den?
Natürlich fühlte man sich nicht gut. Wir haben recht schnell nach einer Legende gesucht. Als meine Frau mit unserer zweiten Tochter schwanger wurde, haben wir auf die schwierige Suche nach einem Krippenplatz verwiesen und erklärt, meine Mutter müsse zu uns ziehen. Beides stimmte nicht: Meine Mutter hat bis vor wenigen Jahren in ihrem Haus in Brandenburg gewohnt und den Krippenplatz bekamen wir auch. Aber es reichte, dass die Stasi die Wohnung als zu unsicher ansah. Ab Ende 1986 wurde die Wohnung nicht mehr genutzt, ein paar Monate später bekamen wir das auch schriftlich.
War die Nutzung ein reiner „Freundschaftsdienst“ 
oder gab es Gegenleistungen?
Wenn ich mich recht erinnere, übernahm die Stasi ein Drittel der Mietkosten und einen Teil der Energierechnung. Außerdem gab es zwei, drei Mal Blumen. Den Anlass kann ich gar nicht mehr sagen. Ich weiß nur, dass ich seit damals Chrysanthemen nicht mehr leiden kann.
Der Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde Rüdiger Sielaff erklärte, dass das MfS sein Überwachungssystem mit 7000 konspirativen Wohnungen nicht hätte aufrecht erhalten können, wenn niemand die Wohnungen zur Verfügung gestellt hätte ...
Ich finde bemerkenswert, dass viele ohne die Kenntnisse, wie solche Vereinbarungen zustande kamen, erklären, was man hätte tun sollen. Hier wird einseitige Geschichtsaufarbeitung betrieben und das undifferenzierter und damit oberflächlicher, als es Mitte der 90er Jahre stattgefunden hat. Eine Diktatur funktioniert auch deshalb, weil sie Notlagen auszunutzen weiß.
Anfang der 90er Jahre gab es Kriterien zur Einordnung von Stasikontakten. Geschenke – und seien es Blumen – galten als Belastung. Damit wären Sie im Raster hängen geblieben, das man damals angelegt hat...
Ich bin einmal in der Wendezeit, meine Frau ist insgesamt drei Mal überprüft worden – unter anderem, als sie im ARD-Hauptstadtstudio arbeitete. Eine unabhängige Kommission kam dabei zu dem Urteil, dass es sich um das Ausnutzen einer Notsituation durch das MfS gehandelt hat. Die Inhaber der Märkischen Oderzeitung wissen seit Jahren Bescheid. Das gilt auch übrigens für den Springer-Verlag, für den ich in den 90ern gearbeitet habe. Viele Jahre fand man es nicht interessant, darüber zu berichten. Warum man das jetzt getan hat, weiß ich nicht.
Hätten Sie nicht offensiver mit diesem Teil Ihrer Biographie umgehen sollen?
Ich habe mich für nichts zu entschuldigen. Dass ich vor 26 Jahren zulassen musste, dass das MfS einen Teil meiner Wohnung nutzte, ist – meiner Meinung nach – nicht von allgemeinem Interesse. Es wäre anders, wenn ich für das MfS berichtet hätte. Das ist zu keinem Zeitpunkt weder schriftlich noch mündlich erfolgt. Im Gegenteil, ich war nicht bereit, Anwerbeversuchen als IM nachzugeben. Ich habe auch nie öffentlich gemacht, dass die Stasi eine Akte über mich angelegt und meine Post kontrolliert hat.
Die MOZ berichtet über die DDR-Vergangenheit und deren Aufarbeitung. Besteht die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit beeinträchtigt wird?
Die Märkische Oderzeitung hat als eine der ersten regionalen Ost-Zeitungen sich einer Stasi-Überprüfung gestellt und daraus die Schlussfolgerungen gezogen. Ehemaligen Kollegen, die denunziatorisch tätig waren, wurde gekündigt.Eine Einflussnahme auf die unabhängige Berichterstattung der Journalisten dieser Zeitung fand und findet nicht statt. Wir halten an unserem Grundsatz fest, das Zeitgeschehen kritisch zu begleiten und den Dingen auf den Grund zu gehen.
Zur Person
Frank Mangelsdorf wurde 1957 in Rathenow geboren. Nach dem Abitur lebte er in Berlin, studierte Journalistik und arbeitete bei der Zeitung „Der Morgen“. In der Wendezeit als gewählter stellvertretender Chefredakteur. Weitere berufliche Stationen: „Die Welt“, „Der Tagesspiegel“, „Berliner Morgenpost“, „Ostseezeitung“. Seit 2002 ist er Chefredakteur der Märkischen Oderzeitung. Seit 2011 gehören dazu auch der „Oranienburger Generalanzeiger“, der „Hennigsdorfer Generalanzeiger“, die „Gransee-Zeitung“ und der „Ruppiner Anzeiger“.