Aktiv und engagiert

2013 kam Khalil aus Pakistan nach Deutschland, direkt nach Brandenburg. Zuerst das Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt, dann über Zwischenstopps in Teltow und Michendorf nach Potsdam. Hier studiert er Kindheit und Kinderrechte und arbeitet bei einer NGO, die sich gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit in Brandenburg einsetzt. Darüber hinaus ist er bei zahlreichen Initiativen aktiv: Er ist bei der Seebrücke Potsdam sowie Jugendliche ohne Grenzen involviert, leistet Anti-Rassismus-Arbeit bei Welcome United Berlin-Brandenburg und ist der ehrenamtliche Vorstand des Flüchtlingsrates Brandenburg.
Das Thema Fremdenfeindlichkeit spielt somit eine große Rolle sowohl im professionellen als auch privaten Leben. Denn Rassismus in Deutschland zu erleben, "das ist eine Erfahrung, die man einfach hat", erzählt Khalil. Eine Erfahrung an Ablehnung in Teilen der Gesellschaft, die er so nicht von Deutschland erwartet habe. Die Liste an Vorfällen ist lang und viele haben ein Merkmal gemeinsam. Einmal saß er in der Bahn, zwei Frauen wurden durch eine weiße Frau belästigt, sie sollten in ihr Land zurückkehren. Jibran Khalil mischte sich ein, erklärte, dass in der Heimat der Frauen Krieg herrsche und sie Sicherheit in Deutschland suchten. "Aber in der Bahn waren so viele Leute, die haben geschwiegen. Nichts gesagt. Die haben das beobachtet", erinnert er sich und ist einen Moment still. In ihm arbeitet es sichtlich.

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Auch weil er kurz darauf von einem Zwischenfall berichtet, bei dem er selber von der Bahn nach Hause verfolgt und rassistisch beleidigt wurde. Es gibt ein Video des Vorfalls, bei dem Menschen die Szene sehen, aber nichts sagen. Erst ganz am Ende des Mitschnitts hört man eine Stimme aus dem Off fragen, ob er Hilfe brauche. Dieses Schweigen ist es, das Khalil auffällt.
Das klare Benennen, dass es ein Rassismus-Problem gebe, fehle ihm auch in der Politik: Er zitiert Seehofers Aussage, die Mutter aller Probleme sei Migration. "Das große Problem in diesem Land ist Rassismus und Rechtsextremismus" – und das solle auch so gesagt werden. Er wirft der Politik vor, zu wenig getan zu haben und auch nach wie vor zu wenig zu tun.
Besonders ein Umstand der Brandenburger Politik mache ihm Angst: "Ein Nazi sitzt im Landtag Brandenburg. Der sitzt da ganz vorne." Khalil sagt, er liebe die Demokratie und den Rechtsstaat in Deutschland, doch frage er sich, wo letzterer sei, wenn jemand wie Andreas Kalbitz vorne im Landtag sitzen und Politik machen könne.
Struktureller und institutioneller Rassismus müsse stärker bekämpft werden, so Khalil. In der Politik, der Polizei, in den Schulen. Mehr Diversität wünsche er sich und eine stärkere Gesellschaft. Eine Sache, die er an Pakistan zum Beispiel geschätzt habe: "Pakistan ist sehr stark als Gesellschaft, Deutschland ist sehr stark als Staat." Von der Gesellschaft wünscht er sich deswegen: nicht mehr schweigen. "Wenn ein weißer Deutscher etwas gegen einen Rassisten sagt, das bewegt mehr, als wenn ein Ausländer etwas sagt", ist Khalil überzeugt.
Er selbst sieht seine Zukunft in Potsdam. Er liebe die Stadt, seine Freunde hier, fühle sich wohl. Fragt man ihn nach seinen Zielen, steht zunächst seine Arbeit und das Engagement in den ehrenamtlichen Bereichen an erster Stelle. "Das ist sehr wichtig für mich", sagt er. Und ein weiteres persönliches Ziel hat er auch: endlich richtig Schwimmen lernen.
Mehr zu seinen Erlebnissen erzählt Jibran Khalil neben drei weiteren Betroffenen in der siebten Folge von "Dit is Brandenburg". Zu hören auf: www.moz.de/podcast