Wie zwei große Krebs-Scheren wandern die OP-Instrumente über den Monitor. Zu sehen ist, wie sie hier etwas durchtrennen und dort etwas mit Nadel und Faden zusammennähen. Und das wie von Geisterhand, denn neben der Patientin steht kein Chirurg, der die Instrumente führt. Es sind Roboter-Arme, die im Bauch der Frau verschwinden. Willkommen in Brandenburgs modernstem OP-Saal, in dem dann glücklicherweise doch nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
Jene Instrumente, die auf dem Bildschirm aussehen wie fünf Zentimeter große Krebs-Scheren, sind in Wahrheit kaum so groß wie die Kuppe eines kleinen Fingers. Das HD-Bild aus dem Bauch der Patientin wird zehnfach vergrößert, damit der Chirurg mehr sieht. Es operiert nämlich auch kein Roboter, sondern ein Mensch. Nur auf eine andere Art, als man das gewöhnt ist.
Auch wenn sich der Vergleich eigentlich verbietet, weil es eine ernste Angelegenheit ist: Der Chirurg agiert wie bei einem Computerspiel. Über eine Konsole steuert er mit seinen zwei Händen insgesamt vier Roboter-Arme und eine Kamera. Mittels eines Fußpedals kann er wählen, welchen Arm er führen möchte. Allein der Chirurg schneidet und näht also. Der Roboter setzt seine Handbewegungen 1:1 um, würde selbst dann nicht eingreifen, wenn der Arzt eine falsche Handbewegung machen sollte.
In den Augen von Dr. Colin M. Krüger, Chefarzt der Allgemeinchirurgie in der Rüdersdorfer Immanuel Klinik, vereint die neuartige Methode die Vorteile des klassischen offenen Eingriffs mit denen der minimalinvasiven Chirurgie, wie man sie bisher kennt. Gleichzeitig fallen die jeweiligen Nachteile weniger ins Gewicht.
"Bei einem offenen Eingriff mit langem Schnitt hat man gute Sicht und alle Freiheiten, aber der Patient verliert mehr Blut und muss länger liegen, bis die Wunden heilen", erklärt Krüger. Nachteil jener Methode mit nur kleinen Einstichen ist bislang die mangelnde Sicht. Der Chirurg muss sich auf einem zweidimensionalen Bildschirm orientieren. "Da kann es vorkommen, dass man auf einen vielleicht sinnvollen Schnitt verzichtet, aus Sorge, zu tief zu schneiden", erzählt Krüger.
Mit dem aus den USA kommenden OP-System, das den Namen "da Vinci" trägt, soll das nicht mehr passieren. Zur zehnfachen Vergrößerung des HD-Bilds kommt für den Chirurgen am Monitor eine 3D-Perspektive. Er sieht also die Tiefe des Raumes. "Hohe Präzision auf wenig Platz", so fasst Colin M. Krüger die Vorteile für die Chirurgen zusammen. Schließlich agiere man bei Eingriffen am Bauch oft in einem nur zehn mal zehn Zentimeter großen Bereich.
Zu den Vorteilen für die Patienten gehört, dass sie durch die schonende Art des Eingriffs schneller wieder mobil sind und das Risiko etwa für eine Lungenentzündung wegen langer Liegezeit sinkt. Hinzu kommt nach Einschätzung des Rüdersdorfer Chefarztes, dass bei onkologischen Operationen "wichtige anatomische Schichten" besser erreicht werden können.
In der Immanuel Klinik sind bislang vier Chirurgen für die eigenständige Arbeit mit "da Vinci" ausgebildet. Bauchchirurgie und Gynäkologie umfasst ihr Spektrum. Ab 2018 sollen in Rüdersdorf eventuell auch urologische Operationen mit dem Roboter-Assistenz-System durchgeführt werden.
Chefarzt Krüger geht davon aus, dass das System in der Klinik in zweieinhalb Jahren voll ausgelastet ist. Zunächst gelte es, Ärzte und Schwestern entsprechend auszubilden und das Operieren am Simulator zu trainieren. Der Listenpreis für das Gerät liegt bei 1,8 Millionen Euro. Rüdersdorf hat die Anlage zunächst gemietet. "Ich gehe aber fest davon aus, dass sich das System durchsetzt", sagt Krüger. Er hebt noch hervor, dass man mit "da Vinci" als Operateur ergonomisch sehr gut sitzt. Ungewohnt sei, dass der Chirurg nicht mehr im Zentrum des Saals arbeitet, sondern am Rand. Darauf müssten sich die Teams etwa bei der Kommunikation noch einstellen.
An der Dauer einer OP ändert sich indes nichts. Aber ein großer Unterschied ist, dass künftig in der Regel ein Chirurg den kompletten Eingriff allein machen kann, also ohne einen zweiten Arzt am Tisch. Auch wenn es darum bei "da Vinci" nicht in erster Linie geht, ist das System also in gewisser Weise sogar ein Instrument im Kampf gegen den Medizinermangel.
Am 7. Oktober können sich Neugierige den OP-Roboter genauer ansehen und sich unter Anleitung der Chirurgen selbst am Simulator ausprobieren. Die Mitmach-Veranstaltung im Foyer der Immanuel Klinik Rüdersdorf läuft von 13 bis 15.30 Uhr.