Den vergangenen Winter haben Fahrer von Autos mit Dieselmotor unschön in Erinnerung: Da froren bei Temperaturen von minus 23 Grad oder tiefer diverse Autos ein. Nichts ging mehr. Ein Pannendienst hilft auch nicht. Nur das Auftauen an einem warmen Ort. Schuld war der Dieselkraftstoff, der bei extremer Kälte stark ausflocken und mit Paraffinkristallen, also Wachs, den Filter verstopfen kann.
Eigentlich soll das, wenn man Winterdiesel tankt, nicht passieren. Laut Gesetz muss Diesel vom 16. November bis 28. Februar bis minus 20 Grad kältefest sein. Zuvor wird vom 1. Oktober bis zum 15. November Übergangsware angeboten, die bis minus 10 Grad Celsius funktioniert. Die Unterschiede sind auf Additive zurückzuführen, die in der Raffinerie zugegeben werden. Sie können zwar nicht verhindern, dass die Paraffinkristalle ausfallen, halten die Flocken aber so klein, dass sie bis zu den genannten Minusgraden durch die Poren des Filters passen.
Die großen Mineralölkonzerne versichern, dass ihr Winterdiesel sogar bis minus 22 Grad funktioniert. Gereicht hat das aber nicht überall. "Nach dem so verlaufenen Winter wollten wir deshalb etwas tun", sagt Cornelia Wolber von Shell Deutschland. Und so gibt es seit 1. Dezember an 1800 von 2200 Shell-Stationen neben dem üblichen Winterdiesel als Premium-Produkt den V-Power-Diesel für den Winter. Der, sagt Shell, ist bis minus 30 Grad kältefest. Die Kraftstoffformel sei innerhalb von nur sechs Monaten entwickelt worden. Und biete nicht nur besondere Kältefestigkeit, sondern auch die gewohnt hohe Leitung eines V-Power-Dieselkraftstoffs.
Während Rainer Camen vom TÜV Nord findet, dass es ja ganz gut sei, wenn die Ölindustrie aus Fehlern lerne und kältefestere Kraftstoffe anbiete, ist Christian Buric vom ADAC weniger begeistert. Die Konzerne sollten in erster Linie die Grundversorgung sichern. Und die bestehe in einem Diesel, der tatsächlich bis minus 20 Grad funktioniere. Schon seit Jahren habe man da Probleme registriert - "aber noch nie so viele wie im vergangenen Winter". Das habe zu Autos geführt, die bereits bei minus 18 Grad den Dienst versagten. Der Kraftstoff müsse halten, was er verspreche. "Denn normalerweise kommt man mit einer Kältefestigkeit von minus 20 Grad in weiten Teilen Deutschlands gut zurecht." Premium-Produkte, mit denen die Konzerne zusätzliche Einnahmen erzielen wollten, könnten nicht die Antwort auf ein generelles Problem sein. In besonders kalten Regionen aber sei solch ein Zusatzangebot durchaus gerechtfertigt.
Und was sagt die Shell-Konkurrenz? Detlef Brandenburg, Sprecher beim Marktführer Aral, der 2500 Stationen betreibt, verweist darauf, dass die eigene Premium-Marke Ultimate Diesel bis minus 24 Grad garantiert funktioniere - "Praxistest haben aber auch schon die Funktion bei minus 30 Grad und tiefer gezeigt". Diese Eigenschaften habe der Diesel das ganze Jahr über. Im Übrigen glaubt Brandenburg nicht daran, dass man die deutlichen Ausfälle des vergangenen Winters den Kraftstoffen anlasten könne. Die häufigste Ursache sei vielmehr ein Einfrieren des Kraftstofffilters. Im Laufe des Jahres sammele sich in der Kraftstoffanlage Kondenswasser. Bei Minusgraden werde aus dem feuchten Filter eine Eisbarriere, die den Kraftstofffluss reduziere oder ganz verhindere. Der Wechsel des Filters und das Trockenwischen des Filtergehäuses gehörten deshalb zum Pflichtprogramm, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.
Und wie kommt der neue Diesel an? Belastbare Zahlen gebe es so kurz nach der Einführung noch nicht, sagt Shell-Sprecherin Cornelia Wolber. Aber ermutigende Reaktionen der Tankwarte. Nico Adam von Shell in Petershagen-Eggersdorf (Märkisch-Oderland) erzählt, dass man die Kunden auf die Kältefestigkeit ausdrücklich hinweise - "und das kommt zumindest bei denen sehr gut an, die im vergangenen Winter das Schicksal eines nicht funktionierenden Autos ereilt hatte". Aus den Frankfurter Shell-Stationen ist zu hören, dass der Kraftstoff unterschiedlich aufgenommen werde - so gebe es Skepsis, ob die minus 30 Grad wirklich eingehalten würden, während andere Kunden begeistert seien. Begeisterung aber ist nicht das einzige Argument für eine Kaufentscheidung. Man muss diesen Diesel auch finanzieren können - immerhin kostet der Liter V-Power-Diesel 19 Cent mehr als normaler Winterdiesel.
Wintertauglichkeit inklusive: Laut Gesetz muss jeder Winterdiesel bis minus 20 Grad funktionieren.Foto: dapd