Trotzdem meldete sich der erste Ministerpräsident des Landes immer noch zu Wort, wenn ihm etwas wichtig erschien. In Mails, in Aufsätzen, schriftlichen Interviews. Es waren keine großen theoretischen Abhandlungen, keine philosophischen Erörterungen, sondern meist ein Appell an seine eigene Partei, die Stimmung im Land wahrzunehmen: sei es beim Scheitern der Kreisreform oder in der Debatte um ostdeutsche Lebensleistungen, die in diesem Jahr neu entbrannte. Der Ruheständler führte den aktuellen politischen Akteuren in wenigen wohl gesetzten Worten vor Augen, dass sie die Befindlichkeiten der Menschen außer Acht lassen.
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Nicht so Manfred Stolpe. Stimmungen erkennen, ahnen, was vor sich geht und wie es welche Wellen schlägt, das waren schon die Stärken des Kirchenmannes, als er 1990 in die Politik ging. Damals galt es überhaupt erst, ein Gespür für Brandenburg in den ehemaligen DDR-Bezirken Potsdam, Frankfurt und Cottbus aufzubauen und zu pflegen. Im Gegensatz zu Sachsen oder Thüringen gab es kaum eine märkische Identität. Zum einen, weil alles Preußisch-Brandenburgische jahrzehntelang als militaristisch verteufelt worden war. Zum anderen, weil ein Bevölkerungsaustausch in dieser Region stattgefunden hatte: durch Umsiedler, durch den Zuzug beim Aufbau von Industriestädten wie Eisenhüttenstadt oder Schwedt und den Aderlass durch diejenigen, die  die DDR in Richtung Westen verließen.
Stolpes zahllose Reisen in alle Winkel des neuen Bundeslandes – wo immer es ging mit dem roten Adler und der "märkischen Heide" im Gepäck – trugen maßgeblich dazu bei, dass sich ein brandenburgisches Wir-Gefühl wieder herausbildete. Bei solchen Gelegenheiten kam dem gebürtigen Pommer sein unglaubliches Personengedächtnis zupass. Er tauchte auf Dorffesten auf, ging zielstrebig auf den Bürgermeister zu und fragte, was aus diesem oder jenem Problem geworden ist, das beim letzten Treffen vor ein oder zwei Jahren besprochen worden war. Dabei benötigte Stolpe keine große Entourage zur Vorbereitung seiner Termine. Er war immer ein Ein-Mann-Unternehmen, der in stundenlangen Beratungen alle zu Wort kommen lassen konnte, allen den Eindruck vermittelte, etwas Besonderes zur Lösung eines Problems beizutragen und dann doch selbst die Entscheidungen traf,  in der Regel, ohne sich dabei in die Karten schauen zu lassen. Selbst nicht von denjenigen, wie Regine Hildebrandt, die als enge Weggefährten galten.
Vielleicht war die Undurchschaubarkeit ein Erbe aus jahrelangem Taktieren als Konsistorialpräsident der evangelischen Kirche in der DDR. Er handelte mit der DDR-Führung Verträge aus, setzte sich für Ausreisewillige ein, verstand sich als Mittler zwischen west- und ostdeutschen Politikern und scheute dabei nicht vor regelmäßigen Kontakten mit der Staatssicherheit zurück.
Eingeweihte gab es dabei nicht. Das ermöglichte es den Bischöfen der evangelischen Kirche,  in einer Aura  politischer Unschuld zu agieren, die sonst nur Heiligen zukommt. Diese Konstellation machte den Kirchenjuristen  nach der Wende angreifbar. Zu Beginn der 90er-Jahre brach sich dies in einem Untersuchungsausschuss des Landtages zu Stolpes Stasikontakten Bahn. Es zeigte sich, dass er nicht in die Schwarz-Weiß-Schubladen von IM oder Stasi-Opfer passte, wie sie die damaligen Debatten beherrschte. Der Furor, mit dem einige westdeutsche Medien Stolpe zu Fall zu bringen versuchten, war enorm. Noch nie hat ein Ministerpräsident einem so großen medialen Druck standgehalten, hieß es später. Sonnabends verkündete der "Spiegel" neue Enthüllungen, sonntags lud die Staatskanzlei zu Pressekonferenzen zur Entkräftigung  der Vorwürfe. Das Thema weitete sich zu einem Glaubenskrieg um die Deutungshoheit ostdeutscher Biografien aus  – im Zentrum der Auseinandersetzung  ein betont gelassener brandenburgischer Ministerpräsident. Seine Ampelkoalition zerbrach an den Stasi-Vorwürfen, Bündnis 90 verließ das Regierungsbündnis. Die Mehrheit der Brandenburger solidarisierte sich aber mit ihrem Regierungschef, was der SPD 1994 die absolute Mehrheit bescherte. 
Glücklich war Stolpe mit dieser Konstellation nicht unbedingt. Er, der am liebsten  zwischen verschiedenen Gruppen moderierte, musste nun den Forderungen seiner Partei nachkommen. In diese Zeit fiel auch die größte politische Niederlage: die an den Brandenburgern gescheiterte Berlin-Fusion. Stolpe schrieb sich selbst einen Anteil daran zu. Er hatte die Abstimmung zu lange auf Wunsch der Berliner Seite hinausgeschoben und sie so angreifbar gemacht, wie er später einmal sagte.
Manfred Stolpe, das war bei aller betonten Gelassenheit auch ein Politiker, der es liebte zu überraschen. Sein Rücktritt 2002 war bis ins Details vorbereitet, aber nur im engsten Kreis zuvor kommuniziert worden. Weder der Koalitionspartner CDU noch die eigenen SPD-Minister hatten bis zum Morgen eines lang geplanten Parteitages eine Ahnung davon, dass dort der Staffelstab an Matthias Platzeck übergeben werden sollte. Selbst den Abgang bestimmt zu haben, war für Manfred Stolpe sehr wichtig.
Und prompt folgte die nächste Überraschung: der Rücktritt vom Rücktritt. Nach der Bundestagswahl im Herbst 2002 war Stolpe plötzlich Bundesverkehrsminister und Ostbeauftragter, weil sich in einer bewegten Nachtsitzung im Kanzleramt von Gerhard Schröder kein anderer Ostdeutscher auf die Schnelle finden ließ. Gern schmückte Stolpe die Geschichte schmunzelnd aus, wie er an besagtem Morgen nach Hause kam und seiner wenig begeisterten Gattin erklärte, dass es mit dem  Ruhestand nichts wird.
Als Bundesverkehrsminister setze er in unendlichen Verhandlungen das durch, woran seine Vorgänger gescheitert waren: die Maut für Lkw mit dem Toll-Collect-System. In diese Verhandlungen fiel, wie er später berichtete, die erste Krebsdiagnose, von der er sich nichts anmerken ließ.
Nach Ende der Berliner Ministerzeit ging Manfred Stolpe mit seiner Krebserkrankung beziehungsweise mit seinem Kampf dagegen an die Öffentlichkeit. Er, den selbst engste Mitarbeiter nicht nach Persönlichem fragten, saß zusammen mit seiner ebenfalls von einer Krebserkrankung betroffenen Frau Ingrid in Talkshows und redete ohne Scheu über Therapien und Rückschläge.
Wenn es seine Gesundheit zuließ, kümmerte sich der Potsdamer um Schlösser und Herrenhäuser in der Mark. Er vermittelte Kontakte zum Denkmalschutz oder mit eventuellen Nutzern alter Gebäude. Hin und wieder nahm er an politischen Diskussionen teil, wie am MOZ-Talk im September 2015 mit seinen Nachfolgern Matthias Platzeck und Dietmar Woidke. Rechtzeitig stand er damals vor dem Kleist Forum in Frankfurt (Oder).  Angereist mit der Bahn, ohne Begleitung, ohne Aufsehen, etwas müde wirkend. Auf der Bühne war davon nichts zu sehen. Der Profi, aktuell informiert wie in besten Zeiten, unterhielt sein Publikum, ohne frühere Auftritte zu kopieren, und wartete wie stets mit der einen oder anderen so noch nicht gehörten Anekdote aus den Zeiten auf, als Brandenburg sich anschickte, wieder Brandenburg zu werden.
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