Die Fahrgastzahlen auf der Ostbahn von Berlin über Ostbrandenburg bis nach Polen steigen. Gleichzeitig ist die Strecke noch immer größtenteils eingleisig und nicht elektrifiziert, drängen sich die Fahrgäste in den Triebwagen. Dem Ziel, dies zu ändern, diente eine Rekordfahrt in der Nacht zum Sonntag.
Jürgen Murach hat ein altes Kursbuch der Deutschen Reichsbahn vor sich: „Im Sommer 1939 brauchten die Fernzüge von Berlin nach Memel (dem heutigen Klaipeda in Litauen) für die 130 Kilometer bis Landsberg an der Warthe (dem heutigen Gorzów in Westpolen) 99 Minuten. Sie hielten unterwegs freilich nur einmal in Küstrin.“
Fast 80 Jahre später – im Sommer 2018 – können die vielen Berufspendler auf der gleichen Strecke, von denen die meisten natürlich nicht bis nach Polen fahren, sondern zwischen Neuenhagen, Müncheberg, Seelow-Gusow und Küstrin-Kietz (alle Märkisch Oderland) ein- und aussteigen, von solchen Zeiten nur träumen. „Die aktuellen Fahrzeiten liegen zwischen 137 und 170 Minuten“, erläutert Murach, der in den Arbeitsgruppen für Polen und für Mobilität der Berliner SPD engagiert ist.
Dies liegt zum einen daran, dass die Strecke noch immer nur weitestgehend eingleisig und nicht elektrifiziert ist, zum anderen aber auch daran, dass es kaum Lokomotiven und Triebwagen gibt, die für die unterschiedlichen Zugsicherungssysteme in Deutschland und Polen ausgerüstet sind. Die „Niederbarnimer Eisenbahn“ (NEB), die den Verkehr auf dieser Strecke betreibt, konnte erst vor zwei Jahren die ersten, in Polen gebauten Pesa-Züge kaufen, die in beiden Ländern zugelassen sind. Bei deren Einführung gab es freilich auch noch einige technische Schwierigkeiten, die aber mittlerweile überwunden erscheinen.
„Die Deutsche Bahn aber macht bisher überhaupt keine Anstrengungen, solche Züge zu erwerben“, kritisiert Murach. Der vielgerühmte Kulturzug, der an den Wochenenden zwischen Berlin, Cottbus und Breslau fährt, existiere auch nur, weil es noch alte Dieselfahrzeuge aus den 1970er-Jahren gäbe.
Um auf all diese Missstände im deutsch-polnischen Eisenbahnverkehr hinzuweisen und gelichzeitig zu demonstrieren, was bei gutem Willen aller Beteiligten möglich wäre, hatten mehr als 80 SPD-Mitglieder aus Berlin und Brandenburg einen Sonderzug bei der NEB gechartert.
Mit diesem fuhr man am Sonnabend zunächst nach Zielona Góra (Grünberg), um gemeinsam mit einigen Genossen von der polnischen Sozialdemokratischen Partei SLD das Weinfest zu besuchen und die Partner auch im bevorstehenden Regionalwahlkampf in Polen zu unterstützen. Dann ging es weiter nach Gorzów, wobei es auf einigen Unterwegsbahnhöfen auch zu kurzen Treffen mit den jeweiligen Ortsverbänden der SLD kam.
Die eigentliche Rekordfahrt startete dann um 22.49 Uhr in Gorzów. „Wir können solch eine Fahrt nur in den Nachtstunden machen, wenn es auf der eingleisigen Strecke keinen Gegenverkehr gibt“, erläuterte Murach. Im Grenzort Kostrzyn wurde der obligatorische polnisch-deutsche Fahrerwechsel absolviert, bevor es über das absolute Nadelöhr der Strecke – die völlig marode Brücke über die Oder an der Grenze – ging. Deren geplanter Neubau wird wohl noch Jahre dauern. Auch der Rekordzug schlich mit Tempo 50 darüber.
Einen weiteren Kurzhalt gab es in Gusow, damit der dortige Bürgermeister Karl-Heinz Klein aussteigen konnte, der das Experiment natürlich auch höchst spannend für seine Gemeinde fand. Bei der Ankunft in Berlin-Lichtenberg um 0.23 Uhr war dann die Freude groß: „94 Minuten! Genau fünf Minuten schneller als die Deutsche Reichsbahn 1939“, verkündete Jürgen Murach. Die Forderungen an die Politik und an die Bahnen, auch für den Alltag zeitgemäße Lösungen zu schaffen, sollen dadurch natürlich neuen Schwung bekommen.