Von Henning Kraudzun
Kleinmachnow (MOZ) Schweiß tropft von seiner Stirn auf die weißen Turnschuhe, er wirkt erschöpft. Aber der Piratenpolitiker lächelt unverkrampft, reckt den Daumen der rechten Hand hoch und umklammert mit der linken einen Stapel Flyer, mit denen er für seine politischen Ziele wirbt. "Hallo Grundeinkommen, ciao Existenzangst".
Andreas Schramm, 54, hat sich an diesem Tag eine besondere Aktion einfallen lassen: Der Rechtsanwalt joggt von seinem Wohnhaus in Kleinmachnow nach Berlin, 17 Kilometer bis zum Bundestag, das letzte Stück mit einer Piraten-Fahne in der Hand. Schramm trägt ein knalloranges T-Shirt - das schwarze Segel der Piraten prangt auf seiner Brust. Auf jeder Zwischenstation wird getwittert. Piratenehre.
Schramm läuft und rackert. Doch er hat keine Chance. Wie hunderte andere Bundestagskandidaten auch, absolviert er seit Wochen ein anstrengendes und kostspieliges Programm, ohne dass ein Sitz im Parlament nur ansatzweise erreichbar wäre. Und trotzdem stehen sie jeden Tag auf, um für ihr Mandat zu kämpfen. Sie besuchen Straßenstände, Diskussionsrunden, Grillfeste, stehen vor Supermärkten und in Fußgängerzonen. Schramm joggt und wer ihn auf den Weg begleitet, trifft einen optimistischen Menschen. Einen, der an seinen und an den Erfolg seiner Partei glaubt und unverdrossen den nächsten Schritt durch die Sommerhitze läuft.
Vor vier Jahren waren die Piraten eine große kleine Partei, jetzt sind sie nur noch eine kleine Partei unter den sonstigen. Wer aus Protest oder Jux das Kreuz bei der oft chaotisch wirkenden Truppe machte, ist längst weitergezogen. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus 2016 landeten die Piraten noch hinter den Politikclowns von "Die Partei".
Schramm glaubt dennoch fest an die Wiederauferstehung der selbsternannten Freibeuter. Und deshalb läuft er schnaufend und schwitzend durch den Berliner Südwesten nach Mitte. Politische Erfahrungen hat er nicht und das fällt in seinem Wahlkreis 61 sofort auf. Dort treten außer ihm lauter Politikprofis an. Annalena Baerbock (Grüne) und Norbert Müller (Linke) saßen bereits im Bundestag. Die streitbare Landespolitikerin Saskia Ludwig (CDU) ist am Start und auch Linda Teuteberg, ewige Hoffnungsträgerin der Brandenburger Liberalen. Die SPD schickt Manja Schüle ins Rennen, die seit Jahren als Büroleiterin von Bildungsminister Günther Baaske arbeitet.
Schramm schnauft und keucht und blickt nur kurz zu den Plakaten der Konkurrenten. "Wir wollten diese Materialschlacht nicht mitmachen", sagt er als Erklärung dafür, dass sein lächelndes Konterfei an keinem einzigen Laternenpfahl platziert wurde. Die Piraten halten ihr knapp bemessenes Budget zusammen und konzentrieren sich unter anderem auf die Kommunalwahlen 2019 in Brandenburg. Die Einkaufchips, Kugelschreiber und Feuerzeuge, die Schramm unter die Leute bringen kann, stellt die Bundeszentrale der Partei.
Also helfen sich die Piraten untereinander. Heute erhält Schramm Unterstützung von Mathias Täge, Direktkandidat im Wahlkreis 60, ein Mann mit langem Bart und Haaren, die sich über die Schultern schlängeln, eine Strähne lila. Täge läuft nicht mit. Soweit geht die Solidarität nicht. Er stößt aber an jedem Zwischenhalt mit seinem Auto dazu. Wie auch Schramm kann der 37-Jährige keine fünfstellige Summe in die Kandidatur investieren, wie es andere regionalen Mitbewerber tun. "Ich bespiele mit einfachen Mitteln die Dörfer", sagt er. Täge fordert eine bessere medizinische Versorgung auf dem Land und bezahlbaren Wohnraum. Doch die Themen seien oft zweitrangig. "Wenn ich in einem kleinen Ort meinen Stand aufbaue, dann sorgt das für Tratsch. Eine Woche lang!"
Andreas Schramm stammt aus Hannover und ist mit seiner Familie 2003 nach Kleinmachnow an der Berliner Stadtgrenze gezogen. Zu seinen Themen gehört ein Anschluss des Orts an das S-Bahnnetz. "Das gehört ganz oben auf meine Agenda." Auch die im Landkreis noch lückenhafte Breitbandversorgung ist ein Dauerbrenner. Für das Grundeinkommen streitet Schramm mit besonderem Herzblut. "Als Berufsbetreuer kümmere ich mich täglich um Menschen, die kaum noch Fuß fassen können in der Gesellschaft."
Im Hause Schramm vertritt man die gleichen politischen Ansichten, erzählt er auf seinem Lauf zum Bundestag. Seine Frau Corinna engagiert sich ebenfalls bei den Piraten, sein ältester Sohn Raoul war schon Landesvorsitzender der Partei. Aber Schramm holt im familieninternen Ranking auf, zumindest versucht er es. Im vergangenen Jahr trat er bei den Landratswahlen in Potsdam-Mittelmark an und holte drei Prozent der Stimmen. "Es war der ehrenhafte letzte Platz", sagt er, lacht kurzatmig und setzt unverdrossen einen Schritt vor den anderen.
Für Wahlkampftermine muss er sich nach wie vor Zeit freischlagen. Er kann nicht ständig auf Tour sein wie seine Mitbewerber. Schramm konzentriert sich auf einige Podiumsdiskussionen. Er habe auch keine Motivationsprobleme, im Gegenteil: "Wir wollen jetzt eine solide Basis aufbauen", sagt er. 650 Mitglieder haben die Piraten in Brandenburg, 11 000 bundesweit - zwei Drittel weniger als zur Boomphase.
Und während er zusammen mit seinen zwei Mitstreitern verschwitzt und außer Puste fast verloren auf dem verkehrsumtosten Fehrbelliner Platz in Berlin steht, wirkt er nicht einmal resigniert. "Diese Station hat auf meiner Tour ganz gut gepasst, normalerweise steuert man besser Cafés und Parks an. Dort haben die Leute mehr Zeit." Seine positive Grundeinstellung wirkt ansteckend. Er läuft weiter.
Die ganzen Querelen der Piraten machen es Schramm wahrlich nicht einfach. Manch einer erinnert sich an den Berliner Piraten-Abgeordneten, der 2016 zum Mörder wurde und sein Opfer per Schubkarre quer durch Steglitz transportierte. Im Juni 2017 wurde in Brandenburg die Landesliste zurückgezogen, nach dem einer der Brandenburger Bundestagskandidaten sich mit einem menschenverachtenden Tweet ins Abseits geschossen hatte. Doch Schramm sagt: "Unser Kreisverband steht geschlossen da, die Einigkeit ist fast schon beunruhigend."
Schramm schaut optimistisch in die Zukunft: "Warum sollen wir nicht irgendwann in Regierungsverantwortung stehen?", meint er. Bis dahin will er antreten und laufen, für seine Überzeugung und für die Ideen seiner Partei - auch wenn es noch so aussichtslos ist.