An der positiven Haltung seiner Regierung zum Bau von zwei Atomkraftwerken habe sich zwar nichts geändert, erklärte Tusk am Mittwochabend in Warschau. Allerdings werde dieser "erst später notwendig sein, als bisher geplant". Medien des Nachbarlandes werten dies als eindeutiges Eingeständnis für die Finanzierungsprobleme des Vorhabens, dessen Kosten auf mindestens 50 Milliarden Zloty (rund 12,5 Milliarden Euro) veranschlagt werden.
Bisher war geplant, dass ein erstes Atomkraftwerk bis zum Jahr 2024 in der Nähe von Danzig entstehen sollte. Ein weiteres Kraftwerk, für das ebenfalls ein Standort in Ostseenähe favorisiert wurde, sollte einige Jahre später folgen. Polen hatte die Nutzung der Kernenergie immer mit der Notwendigkeit begründet, einerseits die CO2-intensive Verstromung von Kohle zurückfahren zu müssen und andererseits seine Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen begrenzen zu wollen. In jüngster Zeit wurde deshalb auch die Erschließung von Schiefergasquellen mit dem umstrittenen "Fracking"-Verfahren favorisiert. Dabei gab es allerdings auch Rückschläge durch Absagen ausländischer Investoren.
Zudem entsteht derzeit bei Swinemünde ein großes Hafenterminal, über das ab 2014 verflüssigtes Gas per Schiff aus Norwegen oder den Golfstaaten importiert werden soll. In seiner Erklärung verwies Tusk auch darauf, dass die Gaspreise auf dem Weltmarkt derzeit nicht so hoch seien wie erwartet.
Vertreter der Initiative "Atomkraftfrei leben in der Uckermark", die sich seit Jahren gegen die Kernkraftpläne des Nachbarlandes einsetzt, sprachen von "einer richtig guten Nachricht". Zwar habe sich das polnische Vorhaben damit nicht erledigt, "doch es war schon immer unsere heimliche Hoffnung, dass es an der Finanzierung scheitert", sagte der Sprecher der Initiative, Volker Schmidt Roy. Sein Stellvertreter Alexander Mempel gab zu bedenken, dass auch die Förderung alternativer Energien unter Finanzproblemen leide.
Im Potsdamer Umweltministerium hatte man die Nachricht aus Warschau am Donnerstag noch nicht registriert. Es sei deshalb noch zu früh, dazu Stellung zu beziehen, sagte eine Sprecherin. Sie verwies jedoch auf die erheblichen Sicherheitsbedenken, die Brandenburg im vergangenen Jahr im Rahmen der grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfung an die polnische Regierung übermittelt hatte. Seinerzeit waren auch mehr als 20 000 Unterschriften an die polnische Botschaft in Berlin übergeben worden. Diese waren von der Initiative "Atomkraftfrei leben in der Uckermark" gesammelt worden.