Ein namentlich nicht genannter Europaabgeordneter der polnischen Regierungspartei „Bürgerplattform“ zweifelte jetzt erstmals die Finanzierbarkeit des Vorhabens an. Für die Umsetzung seien Kredite europäischer Banken erforderlich, sagte er der Zeitung „Dziennik Gazeta Prawna“. „Wir erhalten deutliche Signale, dass die Banken unter Druck gesetzt werden, damit sie kein Atomkraftwerk in Polen finanzieren“, zitiert das Blatt den Politiker.
Experten bezweifeln zudem die Kreditwürdigkeit des Energieversorgungsunternehmens PGE, das mit dem Bau des vier bis fünf Milliarden Euro teuren Kraftwerks beauftragt wurde. PGE gehört zu mehr als 50 Prozent dem polnischen Staat und könnte mit den Kosten des Vorhabens überfordert sein.
Das bisher kernkraftfreie Nachbarland will nach der bisherigen Planung bis 2020 einen Atommeiler errichten. Der favorisierte Standort befindet sich in der Nähe von Danzig, allerdings werden derzeit auch noch andere Orte untersucht.
Gestern starteten Brandenburgs Grüne eine Online-Kampagne gegen das Vorhaben. Sie rufen die Bürger dazu auf, im Rahmen der noch bis zum 4. Januar 2012 laufenden europäischen Strategischen Umweltprüfung eine offizielle Einwendung bei der polnischen Regierung einzureichen. Auf der Internetseite des Bundesverbandes der Grünen wurde eigens dafür ein Link zur Registrierung eingerichtet.
„Wir unterstützen damit die polnische Zivilgesellschaft in ihrem Engagement gegen das geplante Atomkraftwerk“, sagte Benjamin Raschke, einer der beiden Landesvorsitzenden der Grünen. Er räumte ein, dass die Protestbewegung jenseits der Oder noch schwach sei. Deshalb sei es „um so wichtiger, die bisherigen Atomkraftgegner zu unterstützen“.
Polens Umweltminister Marcin Korolec verteidigte unterdessen die Klimaschutz-Anstrengungen seines Landes. Man habe den Kohlendioxid-Ausstoß seit 1990 um rund 30 Prozent gesenkt, sagte er. Dies sei eines der besten Ergebnisse innerhalb der EU.
Das Land erzeugt rund 90 Prozent seines Stroms in zum Teil veralteten Kohlekraftwerken. Deshalb werden die Atomkraft sowie die ökologisch ebenfalls umstrittene Ausbeutung von Schiefergas als Alternativen angeführt.