Bis 1945 trug der Ort Witnica den deutschen Namen "Vietz an der Ostbahn". Und tatsächlich kann man in dem kleinen Ort, der zwischen Küstrin und Gorzów (Landsberg) liegt, vieles entdecken, was an die deutsche Vergangenheit erinnert. In einem "Park der Wegweiser" stehen etwa Gaslaternen, die noch aus dem Jahr 1906 stammen oder Meilensteine aus der Zeit, als noch Kutschen fuhren
Ein besonders zu Herzen gehendes Denkmal ist freilich ein aus Metall gestalteter zerschossener Baum. Er trägt die Namen von Orten, in die die einstigen deutschen Bewohner 1945 vertrieben worden waren, aber auch solcher Städte und Dörfer weit im Osten, aus denen die neuen polnischen Bewohner stammten.
Der Verdienst, auf diese Weise Verständnis zwischen Deutschen und Polen geschaffen haben, gebührt Zbigniew Czarnuch. Der mittlerweile 85-jährige ehemalige Lehrer hat sich als großer Erklärer der Vergangenheit betätigt - etwa, indem er Bücher über die Urbarmachung des Warthebruchs unter den Preußen schrieb oder immer neue Geschichten ausgrub. Das in Potsdam ansässige "Deutsche Kulturforum östliches Europa" hat ihn dafür mit dem Georg-Dehio-Kulturpreis ausgezeichnet.
"Vor kurzem stand jedoch in einer lokalen Zeitung, die unserem neuen Bürgermeister nahesteht, dass es eine Schande sei, sich den Deutschen so angenähert zu haben", berichtet Czarnuch am Telefon. Und auch, dass einige Installationen aus dem Park der Wegweiser ohne Absprache mit ihm entfernt wurden - aus Sicherheitsgründen und wegen der "Verletzungsgefahr" wie es hieß.
Ähnlichen Gemeinheiten sieht sich Grazyna Aloksa ausgesetzt. Die frühere Leiterin des Kindergartens von Witnica hatte mehrere Projekte mit der Kita in der Partnerstadt Müncheberg (Märkisch-Oderland) angeschoben. Mit Hilfe von EU-Mitteln entstand das deutsch-polnische Märchenbuch vom "Ewigen Wanderer", das das schwierige Thema Vertreibung auf kindgerechte Weise verarbeitete. "Wir sind damit sogar nach Brüssel gefahren", berichtet Aloksa.
Eine der ersten Taten des Bürgermeisters Dariusz Jaworski, der vor zwei Jahren gewählt worden ist, bestand darin, Aloksa zu entlassen, die inzwischen das örtliche Kulturhaus geleitet hatte. "Wenig später ließ der Bürgermeister ein neues Schloss in die Tür der gelben Villa einbauen, in denen sich unser deutsch-polnischer Verein immer getroffen hat." Das wiederum berichtet Catherine Griefenow-Mewis, eine Deutsche, die seit Jahren in Witnica lebt und sich dort für den Verein "Educatio Pro Europa Viadrina" engagiert.
Dieser Verein bemüht sich um die Popularisierung grenzüberschreitender Themen. "Jetzt müssen wir uns in einem Hotel treffen, weil wir nicht immer erst im Rathaus fragen wollen, ob uns jemand die Vereinsräume öffnen kann", erzählt sie. Vor kurzem habe man dort Spenden für Flüchtlinge gesammelt, die anschließend in Seelow verteilt wurden. Und für Anfang November plant der Verein einen "Abend der jüdischen Kultur", weil in Vietz einst Juden lebten.
Hört man sich in Witnica um, erfährt man zunächst von persönlichen Dingen, die hinter den Sticheleien stecken. Der frühere, inzwischen an Krebs erkrankte Bürgermeister Andrzej Zablocki, sei auch deshalb abgewählt worden, weil er mehr als zwei Jahrzehnte im Amt war, heißt es. Hinter seinem 33-jährigen Nachfolger Dariusz Jaworski, der offiziell parteilos ist, stünde dagegen die Partei "Recht und Gerechtigkeit", die seit einem Jahr die Regierung in ganz Polen stellt.
Leider war Jaworski - wegen einer Dienstreise, wie es aus seinem Büro hieß - nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Wahrscheinlich hätte er darauf verwiesen, dass Begegnungen von Sportvereinen und Senioren aus Müncheberg und Witnica nach wie vor stattfinden, und man sich gegenseitig zu Volksfesten einlädt. Das bestätigt auch die Bürgermeisterin von Müncheberg, Uta Barkusky. Davon, was sich hinter den Kulissen tut, will die Linke-Politikerin noch nichts erfahren haben und sich "auch nicht zu internen polnischen Dingen äußern".
Es sei in Witnica inzwischen so, wie in Polen im Ganzen, meint Zbigniew Czarnuch: "Offiziell wird getan, als sei die Kooperation mit Deutschland in Ordnung, auch weil man dafür Fördermittel bekommt. In Wahrheit ist es eine formale Zusammenarbeit ohne Emotionen."