Die Grünen-Politikerin hatte in den Koalitionsverhandlungen mit SPD und CDU dafür gekämpft, dass ihre Partei das Sozialministerium erhält. Sie selbst stand als Besetzung in der eigenen Partei nie in Frage. Zehn Jahre lang hat sie im Landtag die Sozialthemen für ihre Partei bestritten. Frauenrechte und Integrationsfragen hat sie mit Vehemenz vertreten. Für den Bereich Gesundheit schien die 62-jährige ehemalige Notärztin ohnehin prädestiniert.
Eine klassische Eingewöhnungsphase ins neue Amt gab es dann aber nicht. Der Verbraucherschutz, zuvor beim Justizministerium angesiedelt, ist seit dem Herbst Teil des Sozialressorts. Mit diesem übernahm Nonnemacher gleich die ersten Krisen: die drohende afrikanische Schweinepest, die bis an die Oder vorgedrungen ist, und erste Anzeichen für eine nahende Vogelgrippe. Das alles wird inzwischen in den Schatten gestellt von den Gefahren des Coronavirus. Die Schwerpunkte aus dem Koalitionsvertrag, mit denen die Grünen eigentlich Akzente setzen wollten, wie der Pakt für Pflege, müssen angesichts dessen warten.
Die aktuelle Ausnahmesituation bewirkt, dass die Gesundheitsministerin quasi die wichtigsten politischen Fäden in der Hand hält. Und wie selbstverständlich ist die zierliche Frau aus Falkensee fast täglich zu beobachten, wie sie ruhig aber nachdrücklich die aktuelle Situation im Land erklärt. Vor allem aber führt sie Entscheidungen herbei. Vielleicht kommt ihr dabei die frühere Erfahrung aus den Einsätzen im Rettungswagen zupass: Erst die lebenserhaltenden Handgriffe, später die Formalien.
Die Zahl der Bedenkenträger in den Verwaltungen ist selbst in Krisensituationen beträchtlich. Jede Entscheidung, das öffentliche Leben einzuschränken, könnte später zu Klagen oder Regressforderungen führen. Hinzu kam ein enormer Druck von der kommunalen Ebene. Ein Teil wollte die Schul- und Kitaschließungen unbedingt zentral regeln, bis hin zur Wahl der Standorte, an denen die Notbetreuung stattfinden sollte. Gleichzeitig standen am Freitag Drohungen im Raum, dass einzelne Landkreise und kreisfreie Städte vorpreschen und von sich aus Schulschließungen verkünden würden. Im Konflikt zwischen den Zögerlichen und denjenigen, die unbedingt die eigene Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen wollten, drang Nonnemacher auf ein geordnetes Verfahren, das die Kliniken nicht ins Chaos stürzt. Ihr ging es vorallem darum, dass Mitarbeiter der Krankenhäuser nicht von heute auf morgen ausfallen, weil sie Kinderbetreuung für ihre Familien übernehmen müssen.
Wer die Grünenpolitikerin in diesem Tagen erlebt, sieht eine Frau, die bei aller Terminfülle keinen gehetzten Eindruck aufkommen lässt. Sie nimmt sich Zeit, Zusammenhänge zu erklären, hört zu und im Gespräch blitzt auch immer wieder ihr typisches kurzes Lachen auf.   Beispielsweise wenn sie versucht, ihr Umfeld nicht mit Handschlag, sondern mit dem Ellenbogen zu begrüßen, was meist einer gewissen Komik nicht entbehrt.
Wer sich in diesen Tagen jedoch nach Worten großer Zuversicht sehnt, wird von der Gesundheitsministerin nicht bedient. Es wird schwer werden, es kann lange dauern, so die Botschaft hinter Nonnemachers Aufrufen zu Vorsicht und Rücksichtnahme in Zeiten der sich ausbreitenden Krankheit. Schönfärberei gehört nicht zu ihrem Metier.

ZurPerson


Geboren istUrsula Nonnemacher 1957 in Wiesbaden. Seit 1996 lebt die  Ärztin in Falkensee.

Von 2009 bis 2019 war die Grünenpolitikerin Mitglied des Landtages. Seit November 2019 ist sie  Ministerin für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg. cd