Wer ist Nico R.? Ein freundlicher Krankenpfleger, der sich vor Gericht gut strukturiert und wortgewandt zeigt und der noch nie einem Menschen angegriffen haben will? Oder ist er ein kaltblütiger Raubmörder, der vor mehr als fünf Jahren eine Rentnerin in Erkner mit zahlreichen Stichen in den Kopf und in die Brust getötet hat? Dieses Rätsel muss seit Freitag die 1. Strafkammer des Landgerichts Frankfurt (Oder) lösen.

Angeklagter und Opfer kannten sich

Die Staatsanwaltschaft wirft dem inzwischen 25 Jahre alten gebürtigen Berliner vor, sich am späten Abend des 2. Juni 2015 in das Haus von Gisela S. begeben zu haben, um die Erkneranerin auszurauben. Er soll darüber hinaus fest dazu entschlossen gewesen sein, die Frau umzubringen, sollte er sie antreffen. Und zwar um sich vor Strafverfolgung zu schützen. Denn Nico R. und Gisela S. kannten sich. Ihr Enkel war zu Schulzeiten ein enger Freund des Angeklagten. Sie haben die Oma seinerzeit mehrfach gemeinsam besucht und aus ihrem Keller heimlich Alkohol entwendet.

Viele offene Fragen im Prozess

Nico R. kannte sich also auf dem Grundstück aus. Das passt zum Täter, der beim Betreten des Hauses den Hauptschalter der Stromversorgung ausgeschaltet haben soll. Daraufhin soll sich die nun im Dunkeln sitzende Gisela S. auf Fehlersuche begeben haben und dabei auf ihren Mörder getroffen sein. Aber warum hat der Täter den Strom ausgeschaltet, wenn er die Frau „nur“ ausrauben wollte? Er hat damit schließlich ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt? Ging es ihm also von vornherein darum, sie zu töten? Das ist nur eine von vielen Fragen, die stutzig machen. Warum wurde die gestohlene EC-Karte nie eingesetzt?, lautet eine andere.

Vergangenheit als drogensüchtiger Einbrecher

Der Angeklagte bestreitet jede Verbindung zu dem Mordfall. Es habe für ihn überhaupt keinen Grund gegeben, die Frau zu überfallen. Er sei nicht in Geldnot gewesen. Sein Lohn als damaliger Pflege-Azubi habe ihm zum Leben gereicht, beteuert Nico R. vor Gericht. Ein Alibi für die Tatnacht hat er allerdings nicht, und er war zu jener Zeit ein drogensüchtiger Gelegenheitseinbrecher, stieg gemeinsam mit Freunden zum Beispiel in Kleingärten ein.

Die Spur des Enkels führte zu Nico R.

Über einen dieser Einbrüche ist die Polizei ihm schließlich dank verbesserter DNA-Analysemethoden auf die Spur gekommen. Im Jahre 2010 soll er gemeinsam mit dem Enkel von Gisela S. und anderen Mitschülern in eine Schule in Berlin-Lichtenberg eingedrungen sein und massiv randaliert haben. Eine dort gesicherte Spur führte zum Enkel, der dann im Verhör Angaben zu seinen damaligen Mittätern machte. Und die daraufhin von Nico R. genommene Speichelprobe passt laut Staatsanwaltschaft zu DNA-Spuren, die auf der Leiche von Gisela S. gefunden wurden.

Spuren zufällig übertragen

Gelöst ist das Rätsel aber damit noch nicht. Wie eindeutig sind die Spuren an der Leiche tatsächlich? Könnten sie vielleicht zufällig dorthin übertragen worden sein, zum Beispiel von einem Gegenstand, den Nico R. bei einem seiner Besuche im Haus angefasst hat? Am 21. September wird der Prozess fortgesetzt.