Das Drama begann 2005 im Zuge der EU-Agrarreform. Damals wurde die Mutterschafprämie abgeschafft. Landwirte erhalten seitdem auf der Grundlage ihrer Betriebsfläche Prämien. Die Folgen für die Schäfereien hat scheinbar niemand bedacht: Schäfer haben in der Regel keine oder nur wenig eigene Fläche. Vom Verkauf von Fleisch und Wolle können sie nicht leben. Die Einnahmen daraus decken im Bundesdurchschnitt gerade einmal 40 Prozent der Ausgaben eines Schäfereibetriebes. In Brandenburg sogar nur 20 Prozent. Das haben Studien im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums ergeben. Der Knackpunkt ist die Entlohnung der Leistungen, die die Schäfer für die Pflege der Kulturlandschaften erbringen.
Diese Entlohnung ist in Brandenburg seit Jahren rückläufig. Die Mittel für den Vertragsnaturschutz sind zuletzt von 1,8 auf 1,1 Millionen Euro gekürzt worden. Einst waren zehn Millionen Euro in dem Fördertopf. „Das Landesumweltamt hätte längst Alarm schlagen müssen: Wenn wir die Naturschutzflächen nicht mehr pflegen, drohen Brandenburg hohe Strafzahlungen der EU“, sagte Schäfermeister Wilfried Vogel am Runden Tisch in der Seelower Verwaltung des Landkreises Märkisch-Oderland.
Vogel ist der Vorsitzende des Schäfervereins Kurmark, der Politiker aller Fraktionen des Landtages und Brandenburger Bundestagsabgeordnete zu der Krisensitzung eingeladen hatte.Die Zahlen sprechen Bände: Im Flächenland Brandenburg werden nur noch 72 000 Schafe gehalten, darunter etwa 54 000 Mutterschafe. Das sei eine „Katastrophe“, erklärte Wilfried Vogel. Im Jahr 2000 gab es fast doppelt so viele Schafe im Land.
Das Schaf- und Schäfereien-Sterben werde anhalten, wenn die Politik nicht gegensteuert, machten die Schäfer deutlich. Denn in der neuen EU-Förderperiode drohen aktuell weitere Einschnitte bei der Förderung der extensiven Grünlandpflege.
„Ich muss eine Herde verkaufen, ich kann sie nicht mehr halten“, erklärte Schäfermeister Heinz Wutke aus Brunow bei Bad Freienwalde in der Runde. Wanderschäfereien wie seine seien besonders bedroht, machte er deutlich. Eik Bonin, Schäfer aus Garzin bei Strausberg, kündigte an: „Wenn sich nichts tut, werden Ende März 500 Schafe vorm Landtag stehen! So geht es nicht weiter, wir können nicht mehr“, erklärte Bonin.
Die Schäfer haben einen 13 Punkte umfassenden Forderungskatalog vorgelegt. Ihre Hauptforderung ist die Wiedereinführung der Mutterschafprämie in Höhe von 60 Euro pro Tier. Doch dagegen hätten sich die Agrarminister der Länder ausgesprochen, sagte die Vertreterin des Potsdamer Landwirtschaftsministeriums, Margret Roffeis. Sie bekannte, in Seelow ein „genaueres Bild von der Situation der Schafhalter“ bekommen zu haben.
Landtagsabgeordneten wie Michael-Egidius Luthardt (Linke) und Martin Lebrenz (FDP) waren die existenziellen Probleme der Schäfer bislang faktisch nicht bekannt. Lebrenz sprach sich für einen fraktionsübergreifenden Antrag zur Förderung der Brandenburger Schäfereien im Landtag aus. Seine Parlamentskollegin Bettina Fortunato (Linke) unterstützt die Idee. Solche Anträge haben die Landesregierung zuletzt zum Umdenken im Kormoran- und Bibermanagement gezwungen.
Der Vorsitzende des Schaf- und Ziegenhalterverbandes Berlin-Brandenburg, Schäfermeister Dirk Kucznik aus Altlandsberg, möchte schnellstens ein „Zeichen der Landesregierung“ sehen. Denn es sei „Fünf vor Zwölf“ für die Brandenburger Schäfer, sagte er. Den finanziellen Spielraum hat das Land. Denn es kann über Mittel, die aus den Betriebsprämien der Landwirte in die so genannte zweite Säule der Agrarförderung fließen, selbst verfügen. In diesem Jahr stehen rund 
18 Millionen Euro zur Verfügung.
Der Grünen-Landtagsabgeordnete Michael Jungclaus sprach sich angesichts der „vielfältigen Leistungen der Schäfereien“ für die Umwelt dafür aus, diesen Spielraum zugunsten der Schäfer zu nutzen. Es wäre ein „großer Verlust für unser Land“, wenn die Zahl der Schafe weiter sinke, erklärte Jungclaus.
Die agrarpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Kirsten Tackmann, beklagte die „fehlende Solidarität innerhalb der landwirtschaftlichen Branche für die Schäfer“. Dabei würden auch die Bauern letztlich von der Beweidung profitieren, weiß die Tierärztin aus der Prignitz. Sie verwies darauf, dass Brüssel es durchaus zulassen würde, dass Deutschland seinen Schäfern eine Mutterschafprämie zahlt. Ihr CDU-Kollege Hans-Georg von der Marwitz, Landwirt aus Friedersdorf, zwei Kilometer von Seelow entfernt, verwies hingegen auf die Zuständigkeit des Landes.
„Wir sind dabei“, sicherte der Vertreter des Bauernverbandes Märkisch-Oderland, Gerhard Jeutner, den Schäfern am Runden Tisch ebenso wie Christiane Schröder vom Nabu-Landesverband Unterstützung zu.
Bleibt ein spezielles Problem – das der Deichpflege. Nur etwa ein Drittel der Deiche im Land werde noch beweidet, bestätigte Margret Roffeis. Die Deiche würden in den Landkreisen unterschiedlich betrachtet – mal als Grünfläche, mal als Bauwerke, erklärte die Vertreterin des Landwirtschaftsministeriums. Der Oderdeich wird kaum noch beweidet. Auch damit entgehen den Schäfern Einnahmen, machte unter anderem Schäfer Markus Zickerick aus Groß Neuendorf deutlich. Die Schäfer fordern eine generelle Beweidung aller Deiche und eine angemessene Vergütung dafür.
Nur wenn alle Akteure die Kräfte bündeln, sei zu verhindern, „dass das Schaf in Brandenburg zur aussterbenden Rasse wird“, erklärte der Moderator des Seelower Runden Tisches, der Zuchtleiter im Schafzuchtverband Berlin-Brandenburg, Hans-Jörg Rösler.