"Ich dachte, mich trifft ein Schlag." Der Brandenburger Landesvorsitzende der Piratenpartei, Thomas Bennühr, wirkt noch immer betroffen von einem Twitter-Eintrag seines bisherigen Kollegen im Parteivorstand, Thomas Goede.
Am Dienstagmorgen war bei München eine Polizistin durch den Schuss eines Randalierers lebensgefährlich verletzt worden. Kurz darauf kommentierte der arbeitslose Goede das Ereignis mit den Sätzen: "So ein Tag, so wunderschön wie heute. Weg mit dem Bullendreck. Ich mach mal den Champus auf." Dabei hatte der 30-Jährige aus Potsdam beim kürzlichen Landesparteitag der Piraten noch gegen Bennühr um den Landesvorsitz kandidiert und war auf Platz zehn der Landesliste für die Bundestagswahl gewählt worden.
Zwar ist kaum zu erwarten, dass die Piraten, die bis zum Frühjahr wenigstens noch in drei Landesparlamenten vertreten waren (Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen), dann aber überall den Wiedereinzug verpasste, ausgerechnet bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde überspringen werden. "Wir hatten uns aber vorgenommen, durch gute Sacharbeit und weniger Streitereien als früher wieder an Einfluss zu gewinnen", erläutert Bennühr. In den Brandenburger Landtag will man in zwei Jahren einziehen, "wenn schon nicht als Einzelpartei, dann doch wenigstens in einer Listenverbindung mit anderen", verrät Bennühr die ursprüngliche Strategie.
Die hat nun einen kräftigen Dämpfer erhalten. Der Hass-Tweet von Goede sei so etwas wie der "Super-Gau" gewesen, räumt Bennühr ein. Immerhin zog der restliche Landesvorstand sofort die Notbremse und wollte bereits am Mittwochabend ein Ausschlussverfahren gegen Goede einleiten. Dem kam der 30-Jährige zuvor, indem er selbst seinen Austritt erklärte.
Doch ihn als einzigen von der bereits beschlossenen Landesliste für die Bundestagswahl zu streichen, erwies sich ebenfalls als unmöglich. "Der Landeswahlleiter erklärte mir, dass dann die gesamte Landesliste in Frage gestellt worden wäre", berichtet Bennühr. Deshalb beschloss man, nur Direktkandidaten in einzelnen Wahlkreisen aufzustellen und die Landesliste zurückzuziehen.
"Damit haben wir Rückgrat bewiesen, andere Parteien hätten vielleicht laviert", ist der 57-Jährige Bennühr überzeugt, der bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung tätig ist und in Glienicke/Nordbahn (Landkreis Oberhavel) am Berliner Stadtrand lebt.
Ob es seiner Partei doch noch gelingen wird, positive Schlagzeilen zu produzieren, steht in den Sternen. Bennühr, der sich selbst als sozial-liberal bezeichnet, würde gern den Kampf gegen den "Missbrauch des Internets durch den Staat" führen, wie er beschreibt. " Denn eigentlich sollte der Staat gläserner für den Bürger werden, indem zum Beispiel die öffentlichen Haushaltspläne durchschaubarer sein müssten", meint er. Stattdessen laufe die Entwicklung derzeit in die andere Richtung, indem staatliche Behörden immer mehr Daten sammeln, würden nur die Bürger gläserner.
Am Donnerstag war die Webseite der Brandenburger Piraten, die eigentlich als Internet-Partei gilt, ab Vormittag nicht mehr zu erreichen. Viele Besucher hatten die hasserfüllte Äußerung Goedes dort ebenfalls mit Häme und unfeinen Worten quittiert.