Der 37-jährige Brite berichtet für das WSJ über Sicherheitsthemen in Europa und lebt seit Anfang 2019 in Brüssel. Zuvor war er sieben Jahre in Russland. In Nicht-Corona-Zeiten ist er viel unterwegs, um Geschichten in ganz Europa auf den Grund zu gehen. Mit dem Beginn der Pandemie musste er auf Alternativen zurückgreifen und sich anpassen. Statt Menschen vor Ort zu treffen, galt es neue Kontakte über die sozialen Netzwerke herzustellen. Wie zum Beispiel Twitter. Die Plattform ermögliche ihm Einblicke, die er sonst nicht bekäme. Es sei ein praktischer Ort, um Wissen und Ideen auszutauschen. "Ich mag die Diversität an Informationen, die ich von all den verschiedenen Menschen bekomme, denen ich folge. Dadurch bekomme ich meistens eine Idee für eine Geschichte, kann dann etwas tiefer eintauchen", sagt Marson.

Schicksale im Grenzgebiet zu Polen

Dieser Tage streifen die Menschen über die Brücke zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice, als sei nichts gewesen. Doch von Mitte März bis Mitte Juni sah das anders aus, der Übergang zwischen Deutschland und Polen war für fast alle geschlossen. Gleiches galt für andere Schengen-Passagen, und gerade in den Grenzstädten wurden die daraus resultierenden Probleme ganz besonders deutlich. "Ich wusste, dass die Grenzschließungen zu Problemen bei vielen Menschen führen würden und habe nach einem guten Beispiel gesucht. Es gab ähnliche Erlebnisse in Städten, die zwischen Belgien und den Niederlanden geteilt sind, aber nach ein wenig Austausch mit dir und einigen Geschichten, die ich auf moz.de gelesen habe, bemerkte ich, dass die Geschichte deiner Städte die am vielversprechendste war", erinnert sich Marson.
Wir schrieben hin und her. Ich schickte ihm Fotos von der geschlossenen Brücke in Frankfurt (Oder) und beschrieb das Gefühl, wie es war, plötzlich wieder mit Grenzen im Alltag leben zu müssen. Marson bekam genaue Vorstellungen, mit wem er sprechen wollte, nachdem ich ihm einige Beispiele unserer lokalen Berichterstattung zum Lesen geschickt hatte. So half ich ihm Interviews mit Betroffenen der Grenzschließungen sowohl in Frankfurt (Oder) als auch in Bad Freienwalde zu arrangieren. Während unsere Kommunikation auf Englisch ablief, half Marson, dass er eine Zeit in Österreich gelebt hatte und auch Deutsch sprach. Die Interviews konnte er so am Telefon auf Deutsch führen. Übersetzen musste ich dementsprechend nicht; lediglich bei der Aussprache polnischer Namen schickte ich eine Sprachnachricht mit Instruktionen.

Wall Street Journal setzt auf Expertise lokaler Medien

Ohne die MOZ-Recherchen wäre der WSJ-Reporter mit großer Wahrscheinlichkeit nie auf diese Personen oder Betriebe gestoßen. So konnten die Schicksale der Mitarbeitenden der Großwäscherei in Bad Freienwalde sowie die Herausforderungen für die Unternehmensberatung von Agnieszka Zdziabek-Bollmann in Frankfurt und Słubice von den Leserinnen und Lesern des Wall Street Journals nachgelesen werden.
Große Medien wie das Wall Street Journal haben schon immer auf die Expertise lokaler Medien vertraut, wenn es darum ging, über Regionen zu berichten, die selten Erwähnung im Tagesgeschehen finden, so Marson. Er arbeite oft mit lokalen Journalistinnen und Journalisten. Er meint, hier sitze das Wissen. Verbindungen zu lokalen Protagonisten herzustellen, sei für weit entfernt sitzende Medienschaffende schwierig, doch mit Hilfe von Journalistinnen und Journalisten vor Ort könne dies umgesetzt werden. "Unsere Branche ist unter hohem Druck, sowohl finanziell als auch politisch, sodass wir uns alle gegenseitig so viel wie möglich helfen sollten." Der Engländer hoffe, dass die finanziellen Schwierigkeiten vieler Medien nicht langfristig dazu führten, dass diese Kooperation mit lokalen Medien gekappt werde. Die Zusammenarbeit vor Ort, mit sogenannten "Fixern", kann nämlich viel größere Umfänge annehmen, als lediglich einige Telefon-Interviews zu organisieren.
In jeder anderen Situation wäre James Marson nach Ost-Brandenburg gereist, hätte sich selbst ein Bild gemacht, mit den Menschen gesprochen. Doch aufgrund der Pandemie und Reiseeinschränkungen unmöglich. Anfangs hatte der Reporter große Pläne, wollte eine größere Reportage schreiben, dafür mit noch mehr Menschen sprechen. Doch wie so oft, die Geschichte musste schneller in den Druck als angenommen. Dennoch kamen die Brandenburgerinnen und Brandenburger zu Wort.
"Ich muss dringend mein Deutsch aufbessern", kommentiert er den Lerneffekt dieser Recherche. Und besuchen will Marson die Orte, über die er geschrieben hat. "Ich will immer noch mehr über einen Ort wissen. Worüber könnte ich noch schreiben?" Einem Besuch steht nun theoretisch nichts mehr im Wege, die Schengen-Übergänge sind auf. Und Geschichten im deutsch-polnischen Grenzgebiet, die auch für das Wall Street Journal interessant sein dürften, sollte es geben.
Die Autorin ist seit 2019 Volontärin der Märkischen Oderzeitung. Auch sie nutzt seit Jahren die sozialen Netzwerke, um außergewöhnliche Geschichten und mögliche Kontakte zu finden. Auf Twitter lässt sie ihren Gedanken zu verschiedensten Themen freien Lauf unter: @jackywestermann

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