„Wasser und Brot, die Menschen hier brauchen Wasser und Brot.“ Fast flehend wiederholte eine Reporterin des polnischen Fernsehens am Sonntagabend die Hilferufe aus Bogatynia. Denn die 18 000 Einwohner der südwestlichsten Stadt Polens, die aufgrund ihrer Lage zwischen deutschen und tschechischem Territorium ohnehin einer Exklave gleicht, waren seit anderthalb Tagen so gut wie von der Außenwelt abgeschlossen.
Von den Bergen im Süden her war das ansonsten gemächliche Bächlein Miedzianka (deutscher Name: Küpper) wie eine Sintflut durch den Ort gerast. Und im Norden hatten die Regenmassen die Mauern des Witka-Stausees bersten lassen. Deshalb lag Bogatynia wie eine Insel im Meer.
„In der Nacht zum Sonntag war es wie in einem Horrorfilm. Hätte mein Mann mich und die Kinder nicht dazu gebracht, dass wir aus den Fenstern sprangen und einen Hügel hoch liefen, dann wären wir jetzt vielleicht alle tot“, berichtet eine Frau namens Teresa. Noch unter dem Schock der Wassermassen stehend, schildern viele Bewohner, wie sie ihr Leben in Sicherheit brachten. Zwei ältere Frauen und ein Feuerwehrmann wurden aber von den Fluten in den Tod gerissen.
Und auch für zahlreiche Bewohner, die sich in den Nachtstunden retten konnten, brachte der Sonntagmorgen ein dramatisches Bild: Dutzende Häuser entlang des Flussbettes sind schwer beschädigt. Sie müssen wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. „Was musst Du das auch noch fotografieren. Ist eine menschliche Tragödie so interessant?“, faucht eine Bewohnerin einen Fotografen an. Andere schimpfen darüber, dass es keinerlei Vorwarnung vor dem Unwetter gab. Bürgermeister Andrzej Grzmielewicz wird von seinen Mitbürgern so bedrängt, dass er sich rechtfertigt: „Ich bin doch genauso betroffen wie ihr. Bei mir zu Hause gibt es doch auch kein Wasser.“
Erste Hilfstransporte, die zunächst nur über eine Straße durch tschechisches Territorium möglich waren, kamen ins Stocken, als diese Verbindung von den Behörden des Nachbarlandes auch noch gesperrt wurde. Denn die Fluten hatten auch diesen Weg schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Noch in den Abendstunden des Sonntags richtete polnisches Militär deshalb eine Luftbrücke in den abgeschnittenen Ort ein. Vier Hubschrauber, die von Breslau und Zgorzelec aus starteten, brachten fürs Erste fünf Tonnen Lebensmittel und 7700 Matratzen sowie Bettgestelle in den Ort. Gestern Nachmittag waren noch 1200 Haushalte ohne Strom und viele weitere auch ohne Wasser. Die Miedzianka freilich hat sich längst wieder in jenes Flüsschen verwandelt, als das sie die Bewohner kennen. 120 Liter Regen sollen am Sonnabend in den nahen Bergen je Quadratmeter gefallen sein – soviel wie sonst in anderthalb Monaten.
Das Wasser aus dem gebrochenen Stausee Witka freilich hatte auch die Neiße im nahen Görlitz zusätzlich zu den Regenmassen auf eine niemals erreichte Rekordhöhe von 7,07 Meter anschwellen lassen. Normal sind um diese Jahreszeit etwa 1,70 Meter.
Die Talsperre, die das Flüsschen Witka (Wittig) staut, wurde zwischen 1958 und 1962 als Wasser-Reservoire für das Braunkohlekraftwerk Turów angelegt. Dafür mussten zwei kleine Ortschaften sowie mehrere Mühlen abgerissen werden. Der Stausee war bis zum Wochenende auch ein Erholungsgebiet und wurde zum Baden und Angeln genutzt.
Der knapp 300 m lange Damm, der in der Nacht zum Sonnabend fast vollständig barst, hatte eine Höhe von 15 Metern. Am Sonntag räumte ein polnischer Lokalpolitiker ein, dass die Dämme zu großen Teilen aus Erd- und Sandhügeln bestanden, die von einer dünnen Betonschicht überzogen waren. Da der Stausee fasst 5,5 Millionen Kubikmeter Wasser fast, kann man sich vorstellen, welche Riesenwelle ins Land strömte. „Wären wir früher von den Meteorologen gewarnt worden, dann hätte man noch Wasser ablassen können“, meint ein Verantwortlicher.
So wurden nicht nur das deutsche Görlitz, sondern auch die polnische Nachbarstadt Zgorzelec von den Fluten heimgesucht.
Die aktuelle Tragödie war für polnische Medien gestern auch Anlass, um aus Orten zu berichten, die im Mai und Juni vom Weichsel-Hochwasser getroffen worden waren. Ihr Bilanz: Die seinerzeit aus Warschau versprochene Hilfe ist vielerorts noch nicht angekommen.