Ein Kunde der Stadtwerke München zahlt für die Entsorgung eines Kubikmeters Abwasser 1,56 Euro. Ein Storkower muss für die selbe Leistung 3,44 Euro berappen, in Storkower Ortsteilen wie Kehrigk sind das sogar 4,68 Euro. Hauptgrund für die Differenz: In München können Kläranlagen effektiver betrieben werden, weil dort mehr Menschen auf engem Raum leben als im Kreis Oder-Spree.
Die verfassungsrechtlich garantierte gleichwertige Versorgung von Stadt und Land ist künftig so nicht mehr zu finanzieren, warnt eine neue Studie des Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung und des Potsdamer Instituts für Nachhaltigkeitsforschung IASS.
Deutschland verliert Bevölkerung - besonders in den ländlichen Regionen an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, in der Eifel, im Hunsrück und in den Dörfern der östlichen Bundesländer. "Zwei Drittel der ländlichen Kommunen im Osten verlieren ein Prozent ihrer Bevölkerung pro Jahr", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin Instituts.
Das geht ins Geld. Bei technischen Infrastrukturen steigen die Pro-Kopf-Kosten. Denn der Betriebsaufwand für Strom, Wärme, Wasser bleibt gleich. Die Studie verdeutlicht das an einem Beispiel: Für das 250-Einwohner-Dorf Eichelhain in Hessen müssen 17 Meter Abwasserkanal pro Person unterhalten werden, im bundesdeutschen Durchschnitt sind es sechs Meter. Die selben Maßstäbe bei der Infrastruktur in Metropolen und Siedlungen anzulegen, ist nicht nur teuer, sondern auch ökologisch nicht sinnvoll. So nimmt der Verbrauch von Flächen für Bauwerke trotz der Landflucht weiter zu. Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister und heute Direktor des IASS, sieht die Herausforderung darin, einen Schrumpfungsprozess zu gestalten "der positiv werden kann. Ich sehe keine Perspektivlosigkeit für den ländlichen Raum."
Mit ihrer Studie wollen die Forscher eine Diskussion über Versorgung auf dem Land erreichen. Sie fordern Konzepte, die an die demografische Entwicklung angepasst sind. Wo Menschen abwandern, lohne es nicht, überdimensionierte zentrale Klärwerke zu betreiben, neue Straßen zu bauen oder den Linienverkehr zu betreiben. Im Extremfall sollten Entsiedlungspläne für kaum noch bewohnte Dörfer erstellt werden, die für die Verbliebenen Anreize zum Umziehen schaffen.
Neben Reduzierung und Rückbau setzen die Forscher vor allem auf alternative Lösungen für Versorgungsprobleme wie mobile Arztpraxen, flexiblere Verkehrsmittel, Zwergschulen oder Fernunterricht. Das setzt vielfach auch veränderte rechtliche Regelungen voraus."Wir müssen wohl ein paar heilige Kühe schlachten - etwa die Mindestschülerzahlen, das Personenbeförderungsgesetz oder den Anschluss- und Benutzungszwang beim Abwasser", fordert Klingholz. Das gäbe unter anderem privat organisierten Fahrdiensten eine Chance. Beim Abwasser müssten für jeden noch nicht erschlossenen Haushalt dezentrale Optionen geprüft werden. Verbände sollten zu große Anlagen früher abschreiben können. Diesen Schuldenschnitt, schlagen die Forscher vor, finanziert ein noch einzurichtender Fonds.
Das Ziel dieses Umbaus sehen die Autoren in einer Verbesserung der Versorgungslage für die Landbewohner. "Einige Dörfer werden in 20, 30 Jahren Wüsten sein. Darüber diskutiert keiner, aber die wird es geben", sagt Reiner Klingholz. Er und seine Kollegen empfehlen, Gelder auf Orte und Regionen zu konzentrieren, die eine Chance haben sich zu stabilisieren. Das betrifft aus ihrer Sicht vor allem Gemeinden mit engagierten Einwohnern. Statt einzelner Straßenprojekte beispielsweise sollten stärker Entwicklungskonzepte für Regionen gefördert werden. Über die Vergabe dieser Gelder, meint Klingholz, entscheiden am besten die Leute vor Ort, in den kommunalen Strukturen.
Diese Veränderung, ist für Klaus Töpfer unstrittig "muss gefördert werden." Künftig wird nicht nur über Förderung für Kommunen, auch über Unterstützung für Privatleute nachzudenken sein, findet Reiner Klingholz. Eigenheimbesitzer, die ihr Haus als Altersvorsorge gebaut haben, erleben in verödenden Dörfern einen deutlichen Preisverfall für ihre Immobilien. Sie könnten im Alter, in Orten mit schlechter Infrastruktur, zu "Gefangenen ihrer Eigenheime" werden, die sich dann kaum noch verkaufen lassen.