Aus dem Blickwinkel von Frank Golletz, technischer Geschäftsführer des Netzbetreibers 50Hertz, gibt es gar keine Zweifel an der Notwendigkeit der sogenannten Uckermarkleitung: "Wir laufen mit dem Netzausbau dem Ausbau der regenerativen Energien hinterher", sagt Golletz. "Das ist genauso", sagt er, "als würden Sie ein Gewerbegebiet aus dem Boden stemmen, aber sich erst hinterher um die nötige Infrastruktur kümmern, so dass niemand dort hinkommt."
Die Uckermarkleitung mit einer Spannung von 380 Kilovolt (kV) soll von Bertikow bei Prenzlau bis nach Neuenhagen (Märkisch-Oderland) führen und eine mehr als 50 Jahre alte 220-kV-Leitung zwischen Schwedt und Berlin ersetzen, die längst an ihre Kapazitätsgrenzen stößt. Da die erneuerbaren Energien Vorrang haben, werden bei voller Auslastung zunächst Kraftwerksleistungen heruntergefahren. Reicht das nicht, werden die Windräder gestoppt.
Die im vergangenen Jahr vorgestellte Netzstudie Brandenburg beziffert den Bedarf an neuen Trassen im Übertragungsnetz auf 600 Kilometer und im 110-kV-Verteilernetz auf 1500 Kilometer - bis zum Jahr 2020. Die Kosten dafür belaufen sich nach ersten Schätzungen auf zwei Milliarden Euro. Die 130 Millionen Euro teure Uckermarkleitung ist erst der Anfang des notwendigen Netzausbaus. Die vorhandenen Leitungen stammen noch aus DDR-Zeiten. Das Problem, sagt Frank Golletz, ist der Transport. Energie aus Windkraft und Biomasse wird im Norden eingespeist und muss zu den Industriezentren im Süden Deutschlands gelangen. Was mit Eingriffen in die Landschaft verbunden ist.
Bei der Uckermarkleitung stoßen sich die Gegner vor allem an der Trassenführung durch das Biosphärenreservat Schorfheide und befürchten Nachteile für Landschafts- und Vogelschutz, Gesundheit und die wirtschaftliche Entwicklung. Heute wird die Uckermarkleitung unter Beteiligung aller Akteure in einer öffentlichen Veranstaltung in Angermünde thematisiert. Hartmut Lindner, Sprecher der Bürgerinitiative "Biosphäre unter Strom", betont, dass sich die Kritik an der Freileitung nicht gegen den seit Fukushima und der folgenden Energiewende geforderten Netzausbau wendet, besteht aber darauf, "dass der Netzausbau die Belange des Umwelt- und Naturschutzes respektiert. "Nicht über unsere Köpfe - keine Freileitung durch Schutz- und Wohngebiete" haben die Trassengegner als Losung herausgegeben.
Ihrer Forderung nach Erdverkabelung aber kommt Netzbetreiber 50Hertz vermutlich nicht nach. In Eberswalde (Barnim) hält das Unternehmen trotz permanenten Rufen nach einer unterirdischen Trassenführung an der Freileitung fest. "Die Eingriffe in die Eigentumsrechte in Eberswalde wären so massiv gewesen, dass eine solche Planung im Vergleich zur Freileitungsvariante nicht genehmigungsfähig gewesen wäre", begründet der Netzbetreiber 50Hertz Transmission GmbH. Auch, weil eine 380-kV-Erdverkabelung derzeit noch nicht ausreichend technisch erprobt ist. Hinzu kommen die Kosten: Die Freileitung über Eberswalde würde das Unternehmen mit zwei Millionen Euro, zwei Kilometer Erdkabel hingegen mit 20 Millionen Euro belasten. Geld, das auf den Verbraucher umgelegt würde. "Die Leitung bezahlen wir alle zu Hause mit unserer Kilowattstunde mit", sagt Frank Golletz.
Für Eberswalde schlägt Golletz einen Kompromiss vor und hofft aus Zustimmung der Betroffenen: Im südlichen Teil der Stadt sollen die Höhe der im Normalfall 70 Meter hohen Masten um bis zu zwölf Meter reduziert, die geplante Waldüberspannung im Norden der Stadt gänzlich gestrichen und die Interessen der Gewerbetreibenden stärker berücksichtigt werden. Liegen alle Genehmigungen vor, rechnet Golletz mit einer Bauzeit von anderthalb Jahren.