Die Universität Potsdam sieht den Vorwurf von Machtmissbrauch an der Rabbinerschule Abraham Geiger Kolleg nach Prüfung einer Kommission als bestätigt an – nicht aber den der Duldung sexualisierter Belästigung.
Der Vorwurf des Machtmissbrauchs richtet sich gegen den Gründer und bisherigen Rektor des Kollegs, Walter Homolka. Die Universität kündigte an, Konsequenzen zu ziehen und die Strukturen am Institut School of Jewish Theology zu ändern. Homolka, wieder als Professor im Dienst, wandte sich gegen die Vorwürfe. Das Institut der Uni und das selbstständige Kolleg hängen zusammen – künftige Rabbiner lernen an beiden zugleich.
Die fünfköpfige Untersuchungskommission der Universität Potsdam kommt in ihrem 16-seitigen Bericht zur School of Jewish Theology zum vorläufigen Fazit: „Gegenüber Herrn Professor Homolka haben sich bislang die Vorwürfe des Machtmissbrauchs durch Ämterhäufung, durch Schaffung problematischer Studien- und Arbeitsverhältnisse, durch Karriereeingriffe bestätigt.“ Die Kommission sprach mit 20 Menschen, hinzu kamen 11 Einzelgespräche. Viele Befragte hätten zu Protokoll gegeben, dass Herr Homolka ein „Klima der Angst“ geschaffen habe, heißt es im Bericht.
Nicht nachweislich bestätigt hätten sich Vorwürfe seiner Duldung des Verhaltens sexualisierter Belästigung durch einen Dozenten am Kolleg. „Es konnte der Verdacht nicht bestätigt werden, dass Herr Homolka davon wusste“, sagte die Leiterin der Kommission, die zentrale Gleichstellungsbeauftragte der Uni, Christina Wolff. Die Kommission prüfte nicht das Verhalten des Dozenten.
Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, spricht bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts der Kommission zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit der Rabbinerschule Abraham Geiger Kolleg.
Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, spricht bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Berichts der Kommission zu den Vorwürfen im Zusammenhang mit der Rabbinerschule Abraham Geiger Kolleg.
© Foto: Christophe Gateau/dpa
Der bisherige Rektor Homolka hält die Vorwürfe nicht für gerechtfertigt. „Ich bin vor allem damit beschäftigt, unwahren Beschuldigungen des Machtmissbrauchs und der sexualisierten Belästigung vehement entgegenzutreten – und sie auch
verbieten zu lassen“, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Ja, ich war Chef und hatte Macht. Doch Machtgebrauch ist nicht schon Machtmissbrauch.“ Er sei kein Vertuscher und kein Belästiger. Homolka spricht von Rufmord und einer Kampagne, um ihm zu schaden.
Walter Homolka, Rabbiner, Gründer und Direktor des Abraham Geiger Kollegs.
Walter Homolka, Rabbiner, Gründer und Direktor des Abraham Geiger Kollegs.
© Foto: Soeren Stache/dpa
Im Mai waren Vorwürfe sexualisierter Belästigung durch einen Dozenten am Geiger Kolleg in einem Bericht der „Welt“ öffentlich geworden. Zuvor hatte es aus der Uni heraus Vorwürfe gegeben. Die Geschäftsführung räumte danach ein, dass gegen einen Mitarbeiter bereits im Dezember 2020 und erneut im Februar 2022 Vorwürfe erhoben wurden. Das Arbeitsverhältnis mit dem Dozenten endete Ende Februar. Laut Uni bestätigte sich, dass Bildmaterial verschickt wurde.
Es ging auch um den Vorwurf des Machtmissbrauchs. Homolka ließ seine Ämter nach Bekanntwerden der Vorwürfe ruhen. Er war Geschäftsführer des Abraham Geiger Kollegs für das liberale Judentum und des Zacharias Frankel College für das konservative Judentum, außerdem Vizedirektor der School of Jewish Theology der Universität und Vorsitzender der Leo Baeck Foundation. Der Zentralrat der Juden in Deutschland lässt parallel die Vorwürfe über eine Anwaltskanzlei prüfen.
Homolka ist wieder als Professor der Uni im Dienst. „Soweit wir nach erster Sicht des Berichts sehen, ergeben sich keine straf- und zivilrechtlichen Konsequenzen und damit auch keine beamtenrechtlichen Konsequenzen“, sagte Präsident Oliver Günther. Die Universität sehe keine Grundlage für ein Disziplinarverfahren. Nachdem klar gewesen sei, dass sich keine beamtenrechtlichen Konsequenzen ergeben, sei Homolka seit 1. Oktober wieder als Professor der Universität im Dienst. Die Beurlaubung sei zu Ende. Im Wintersemester habe er aber ein Forschungssemester.
Das Abraham Geiger Kolleg. Seit den Vorwürfen von sexualisierter Belästigung und Machtmissbrauch lässt der Gründer seinen Rektorposten ruhen.
Das Abraham Geiger Kolleg. Seit den Vorwürfen von sexualisierter Belästigung und Machtmissbrauch lässt der Gründer seinen Rektorposten ruhen.
© Foto: Soeren Stache/dpa
Die Universität will Konsequenzen ziehen. „Unser aller Ziel ist es, dass wir die jüdische Theologie in Deutschland retten“, sagte Günther. Die Strukturen sollten ersetzt oder geändert werden. Die Leitungsfunktionen von Professor Homolka an der School of Jewish Theology sollten entflochten werden, es müsse mehr Transparenz geben. „Wir hätten alle genauer hinschauen sollen“, sagte Günther. Am Kolleg selbst ist eine neue Struktur in Arbeit: Interimsdirektorin Gabriele Thöne teilte am Mittwoch mit: „Wir favorisieren die Umwandlung des Abraham Geiger Kollegs in eine unabhängige Ausbildungsstiftung.“
Die Kommission nahm auch den Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens unter die Lupe – dabei geht es zum Beispiel um Homolkas Dissertation. Das Gremium konnte laut Günther die Vorwürfe nicht abschließend prüfen, dies soll nun die Kommission der Uni zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens machen.
Zu Förderern und Unterstützern des Geiger Kollegs gehören unter anderen das Bundesbildungsministerium, die Kultusministerkonferenz, das Land Brandenburg und der Zentralrat der Juden in Deutschland. Homolka erhielt 2015 für seine Verdienste um die Ausbildung von Rabbinern in Deutschland das Bundesverdienstkreuz.