"Und viele wollen heute nicht noch einmal so feige sein wie damals, wollen sich nicht noch einmal so stumm und schweigend unterwerfen wie damals." Darin sieht die 1941 in Berlin Geborene, die die Stieftochter eines DDR-Innenministers war, 1988 aber das Land verließ, den Zulauf für die AfD.
Auch der Historiker Jörg Baberowski, der ebenfalls zu den Kritikern der Merkelschen Willkommenskultur zählte, erklärt sich das heutige Verhalten vieler Ostdeutscher mit Erinnerungen an die DDR: "Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, dass die Menschen rufen sollen: Die Sonne scheint!, obwohl es regnet, der wird skeptisch, wenn er oder sie eine Beeinträchtigung der Meinungsfreiheit empfindet."
Gibt es solche Spätfolgen des Lebens in einer Diktatur? Aber auch: Wie haben sich die Menschen eigentlich im DDR-Alltag eingerichtet? Und: In welchem Verhältnis standen Unterdrückung sowie freiwillige Unterordnung in sozialistischen Ländern?
Mit solchen und zahlreichen weiteren Fragen will sich der Forschungsverbund "Landschaften der Verfolgung" beschäftigen, an dem neben Wissenschaftlern der Frankfurter Europa-Universität, der Humboldt-Uni Berlin und der Uni Passau auch Psychologen von der Charité sowie mehrere Institutionen der DDR-Aufarbeitung – etwa die Gedenkstätte für Stasi-Opfer in Berlin-Hohenschönhausen oder das Menschenrechtszentrum Cottbus – beteiligt sind.
40 Millionen für DDR-Forschung
Anlässlich der bevorstehenden 30. Jahrestage des Mauerfalls und der deutschen Wiedervereinigung fördert das Bundeswissenschaftsministerium 14 solcher Forschungsverbünde, mit deren Hilfe "Wissenslücken über die DDR" geschlossen werden sollen. Dafür wurden 40 Millionen Euro bereitgestellt. Die Auftaktkonferenz eines dieser Verbünde fand am Donnerstag im Rahmen der 16. Frankfurter Medienrechtstage an der Viadrina statt.
Deren Professor Johannes Weberling warf in die Debatte, dass es bei der Rehabilitierung der politisch Verfolgten aus der DDR "Webfehler" gegeben habe. Die Historikerin Claudia Weber gab dagegen zu bedenken, dass schon reichlich Aufarbeitung der DDR-Geschichte erfolgt sei und "wir der Erzählung darüber einen anderen Drive geben müssen".
Der Brückenschlag in die bundesdeutsche Gegenwart, in der laut Jörg Baberowski "die Erfahrungen der Ostdeutschen noch immer kaum eine Rolle spielen", scheint so ein neuer Drive zu sein. Man darf gespannt sein, welche neue Antworten die Forscher mithilfe von Zeitzeugen in den vier Jahren liefern werden, auf die ihre Projekte angelegt sind.