In einer Lesung und einem Gespräch gemeinsam mit dem früheren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) in der Landesvertretung in Berlin, berichtete der 84-Jährige in dieser Woche, wie er im Oktober 1990 das Angebot erhielt, zum Aufbau der Verwaltung im entstehenden Brandenburg beizutragen.
Von 1982 bis 1989 hatte der Diplomat die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin geleitet und war zur Wendezeit deutscher UN-Botschafter in New York geworden. Nach eigenem Bekunden litt er darunter, dass in Deutschland gerade die Vereinigung ablief und er sie nur aus der Ferne verfolgen konnte. Also wagte er den Schritt von der Diplomatie in die Politik. "Was habe ich ihm da angetan", rief ein gut gelaunter Stolpe vor rund 200 Gästen, darunter mehrere ehemalige Minister und Staatssekretäre. Gemeint war der Wechsel aus der Weltpolitik, aus einem riesigen Büro über Manhattan in die düsteren Räume der unsanierten Verwaltungsgebäude in der Potsdamer Heinrich-Mann-Allee. Das Justizministerium bestand zunächst aus vier Mitarbeitern. "Wir wussten nicht, was ein Justizministerium wirklich macht", erinnerte sich Bräutigam. Unumwunden räumte er ein, dass er mit der Justizpolitik zunächst fremdelte. Er sah seine Aufgabe eher darin, als Beauftragter beim Bund das Bindeglied nach Bonn zu sein.
In der Landesvertretung erinnerten sich Stolpe und Bräutigam an kaum bekannte brenzlige Situationen: Der Putschversuch in Moskau im August 1991 alarmierte auch die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, deren Führung im brandenburgischen Wünsdorf saß. Stolpe und Bräutigam fuhren zu Generaloberst Matwei Burlakow, der für den Fall eines Sieges der Putschisten mit Desertationen oder Übergriffen auf Kasernen rechnete und auf die Unterstützung der deutschen Polizei hoffte. Für einen Moment lang bestand die Sorge, dass der vereinbarte Rückzug der sowjetischen Truppen aufgekündigt werden könnte, blickte Stolpe zurück.
Das besprochene Buch zeigt Bräutigam zusammen mit Regine Hildebrandt (1941-2001) auf der Umschlagseite. Der frühere Justizminister erinnert sich an seine damalige Kollegin in der Ampelkoalition bis 1994 und später in der SPD-Regierung als eine rastlose Kämpferin für Mitmenschlichkeit und Solidarität. Am Kabinettstisch habe sie sich oft nicht durchsetzen können. Das habe sie schweigend hingenommen, ohne sich entmutigen zu lassen.
Als Ende der 90er-Jahre die Staatsanwaltschaft gegen das Sozialministerium und deren Chefin, Regine Hildebrand, ermittelte, habe er in seinem Amt gelitten, sagte Bräutigam. Es sei lediglich um formale Verstöße gegen die Landeshaushaltsordnung gegangen, die als Betrug geahndet werden sollten. Letztlich sei das Vorgehen nicht gerechtfertigt gewesen. Trotzdem musste er als Minister die Justiz gewähren lassen.
Rückblickend schätzt der frühere Diplomat auch ein, dass es ein Fehler war, bei seinem Wechsel in die Politik nicht der SPD beigetreten zu sein. "Wenn man in die Politik geht, sollte man auch in eine Partei gehen. Ein parteiloser Minister hat da nichts zu suchen", sagte Bräutigam.
Hans Otto Bräutigam "Meine Brandenburger Jahre - Ein Minister außer Dienst erinnert sich" Verlag für Berlin und Brandenburg 22,90 Euro