Für das Umweltministerium gab es bislang keine Problemwölfe. Im vergangenen Dezember streifte ein junger Wolf zwar in der Nähe von Supermärkten durch die Randgebiete von Rathenow, verschwand dann aber, bevor er Probleme machen konnte. In Niedersachsen dagegen suchte ein Wolf regelmäßig in Menschennähe nach Nahrung und wurde mit behördlicher Genehmigung geschossen.
So eine in Behördendeutsch "Entnahme" genannte Maßnahme soll künftig auch in Brandenburg möglich sein. Das genaue Vorgehen - und vor allem auch wer den Abschuss vornimmt - wird in einer Verordnung geregelt, die zurzeit im Landwirtschafts- und Umweltministerium erarbeitet wird. Staatssekretärin Carolin Schilde verwies am Mittwoch darauf, dass der ordentlich bestellte Jäger in Niedersachsen anschließend von Umweltaktivisten verklagt und unter Druck gesetzt worden ist. Auch das gelte es zu verhindern.
Über Prävention, Entschädigungen, Wolfsmonitoring und viele weitere Fragen sollte das inzwischen vierte Wolfsplenum am Mittwoch in Potsdam beraten, zu dem sich Landwirte, Jäger, Schafzüchter, Vertreter von Umweltverbänden und Waldbesitzer trafen. Schon an der ersten, scheinbar nebensächlichen Frage scheideten sich die Geister: Gehören die Rudel zu einer russisch-baltisch-polnisch-ostdeutschen Population oder zu einer zentraleuropäischen?
Was zunächst nach einem Streit um des Kaisers Bart klingt, könnte weitreichende Folgen haben. Wenn die Wölfe zur großen osteuropäischen Population gehören, dann ist diese nicht gefährdet und kann aus dem Artenschutzprogramm genommen werden - argumentieren etwa die Landnutzer. Eine Bejagung wäre möglich, nicht bloß im Gefahrenfall.
Handelt es sich um eine eigenständige Population, dann sind laut Experten 1000 Tiere nötig, um den Bestand nicht zu gefährden. Dann muss der strikte Artenschutz weiter gelten. Kommende Woche will das Bundesumweltministerium auf einer Tagung der Umweltministerkonferenz in Bad Saarow die neuesten Forschungsergebnisse dazu vorstellen.
Für den Bauernbund Brandenburg ist jeder Wolf, der sich auf 1000 Meter menschlichen Siedlungen oder Nutztieren nähert, ein Problemwolf, der die natürliche Scheu verloren hat und geschossen werden muss. Geschäftsführer Reinhard Jung riet, dass kein weiteres Geld für Beratungen oder für Präventionsmaßnahmen vergeudet werden dürfe.
Jens Schreinicke, Vorsitzender des Kreisbauernbundes Potsdam-Mittelmark, berichtete, dass die Weidetierhalter durch den Wolf in ihrer Existenz bedroht seien: Gerissene Kälber werden nur ersetzt, wenn ihre Überreste aufgefunden werden; Schutzzäune werden zwar vom Land gefördert, aber nicht die vollen Kosten übernommen und vor allem nicht die Unterhaltung der Zäune. Außerdem können nicht alle Weiden umzäunt werden, so der Landwirt.
Andreas Piela, Referatsleiter Artenschutz im Umweltministerium, räumte ein, dass in der Schafhaltung viel zum Schutz vor dem Wolf erreicht wurde, bei der Haltung von Mutterkühen jedoch nicht. Mögliche Maßnahmen konnten jedoch nicht diskutiert werden, da die Vorbereitung und Durchführung der Beratung durch das Ministerium bei fast allen Teilnehmern auf Ablehnung stieß. Die Probleme sollen deshalb auf einem neu einzuberufenden Plenum diskutiert werden. Eine Arbeitsgruppe soll bis dahin versuchen, Grundsatzfragen zu klären.
Daten zum Wolf:
22 Wolfsrudel mit durchschnittlich acht Tieren leben in Brandenburg.
Von 2007 bis 2017 wurden 503 Tierrisse untersucht. In 275 Fällen wurden sie Wölfen oder "sehr großen Hunden" zugeordnet. Dafür wurden 155000 Euro an Entschädigungen gezahlt.
Anfang 2018 wird das Herdenschutz- und Wolfsberatungszentrum in Groß Schönebeck (Barnim) eröffnet. Dafür werden 970 000 Euro zur Verfügung gestellt.
In diesem Jahr soll eine App des Umweltministeriums die Wolfszählung verbessern. Jäger, Förster und Umweltschützer können dann direkt Fotos und GPS-Daten zu Sichtungen an das Ministerium durchgeben. Im vergangenen Jahr gab es mehr als 3000 Meldungen.