Familiäre Dramen erleben Claudia Gratz und Helga Zeike zur Genüge. Da brechen alte Konflikte wieder auf, da wird Konkurrenz unter Geschwistern sichtbar, verweigerte Liebe oder häusliche Gewalt. "Beziehungen können schnell aus dem Gleichgewicht geraten", sagt Claudia Gratz, Beraterin im Projekt "Pflege in Not" des Diakonischen Werks Potsdam. Vor allem dann, wenn die Nerven blank liegen.
Die 49-Jährige und ihre Kollegin fahren immer dann zu Hausbesuchen, wenn Pflege zu schwierigen Konflikten führt. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Angehörige mit den körperlichen und seelischen Belastungen überfordert sind. Wenn Pflege zu einem aufopferungsvollen Job geworden ist, der fast kein Privatleben mehr zulässt. Das könne mitunter in Gewalt enden.
"Viele haben den Antrieb, es alleine schaffen zu wollen. Aber das gelingt nur selten", sagt Claudia Gratz, die früher als Krankenschwester gearbeitet und später Pädagogik studiert hat. "Sie wissen gar nicht, was auf sie zukommt." Die Beraterin versucht möglichst schnell, eine Entlastung zu organisieren. Dann werde geprüft, welche Familienmitglieder zu bestimmten Zeiten einspringen können. Ebenso spielen ehrenamtliche Besuchsdienste - laut Sozialministerium wurden in Brandenburg allein 2200 Helfer für die Begleitung von Dementen geschult - eine wichtige Rolle. Aber auch Freunde könnten Unterstützung leisten. "Die Last muss sich auf mehrere Schultern verteilen", sagt Claudia Gratz.
Der Bedarf an Beratungen ist nach ihren Erfahrungen enorm - vor allem in ländlichen Regionen. Rund 150 Beratungen leisten die beiden Mitarbeiterinnen jährlich, darunter auch schwierige Fälle, die sich über Monate hinziehen. Nach Angaben des Ministeriums gibt es bereits knapp 100000 Pflegebedürftige in Brandenburg, von denen 77 Prozent von Angehörigen und ambulanten Pflegediensten betreut werden - bundesweit ein Spitzenwert. In einer Einschätzung der Behörde werden "lokale sorgende Gemeinschaften" als beste Lösung eingeschätzt. Sie haben Vorrang vor der Betreuung in Seniorenheimen.
"In Heimen sind die meisten Senioren kreuzunglücklich", sagt Claudia Gratz. Ältere Paare wollen möglich lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben, auch wenn die Haushaltsarbeit kaum noch zu schaffen ist. Diesen Wunsch sollten die Kinder oder Verwandte auch respektieren, meint die Beraterin. Allerdings sollten sämtliche Beteiligte frühzeitig mit der Organisation der Pflege beginnen. "Das Thema wird zu lange beiseite geschoben."
Konflikte gibt es aber auch zwischen ambulanten Pflegediensten und Angehörigen. Die erbrachten Leistungen sorgen für Streit, Vorstellungen driften weit auseinander. Claudia Gratz kennt auch viele Fälle, bei denen das Pflegegeld zur Aufbesserung der Rente verwendet wird. "Dann wird aber auf professionelle Unterstützung komplett verzichtet. Dadurch steigt die Gefahr einer Überforderung", sagt sie. Sie kenne nur wenige Familien, die das Geld hätten, eine 24-Stunden-Pflegehilfe zu beschäftigen.
Insgesamt hat die Betreuung von Angehörigen aus ihrer Sicht bislang keine große Wertschätzung in der Gesellschaft erfahren. Zudem gibt es strukturelle Defizite: Der Mangel an Fachkräften nimmt zu, der Job ist durch schlechte Bezahlung nicht attraktiv. Das Sozialministerium geht davon aus, dass sich der Bedarf an Pflegepersonal bis 2030 verdoppeln wird. Der Handlungsdruck sei in Brandenburg besonders groß, heißt es in der Einschätzung.