Märkische Windräder sind heute noch ziemlich unter sich auf weiter Flur. In ein paar Jahren sollen sich garagenähnliche Container dazugesellen. Wie viele, weiß Enertrag-Vorstand Werner Diwald noch nicht. Aber er ist sich sicher: "Viele."
Diese Container werden Anlagen beherbergen, die unsteten Wind zu einem berechenbaren Energielieferanten machen. Einen Prototypen dieser Technik haben Uni und Firma in Cottbus am Montag offiziell gestartet. Er arbeitet mit einer Technologie, der Elektrolyse, die mehr als hundert Jahre alt ist, wie Hans Joachim Krautz, Leiter des Lehrstuhls Kraftwerkstechnik an der BTU, sagt. Bei der Elektrolyse kann Wasser mit Hilfe von Strom in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten werden. Bei dem Cottbusser Verfahren wird Windstrom zur Wasserstoffproduktion genutzt. "Wasserstoff", so Krautz, "ist ein universeller Energiespeicher." Er kann als Brennstoff ins Erdgasnetz eingespeist oder als Treibstoff für Fahrzeuge verwendet werden.
Die Firma Enertrag nutzt die Elektrolyse heute schon in ihrem weltweit einzigartigen Hybrid-Kraftwerk in Prenzlau (Uckermark). Hier wird überschüssige Energie von drei Windrädern in Wasserstoff verwandelt. Außerdem produziert Enertrag noch Biogas - dieser Energiemix soll die Schwankungen der Windenergie auffangen.
Für Enertrag ist die Elektrolyse-Technik in der Uckermark ein Anfang, zufrieden ist das Unternehmen damit noch nicht. Die Anlage ist noch zu teuer. Derzeit kostet ein Kilogramm gespeicherter Wasserstoff 7,50 Euro. "Wir müssen runter auf sechs bis 5,50 Euro", sagt Werner Diwald von Enertrag. Mit der Treibstoffmenge von einem Kilo Wasserstoff kommt ein Auto derzeit bis zu 100 Kilometer weit.
Das vor über hundert Jahren erfundene Industrie-Verfahren muss jetzt fit gemacht werden für den Wind. Herkömmliche Elektrolyse-Anlagen sind darauf ausgelegt, gleichmäßig mit Strom versorgt zu werden, erläutert Christine Tillmann. Die Wirtschaftsingenieurin leitet das Wasserstoffzentrum. "Die Anlage muss schnell auf Stromschwankungen reagieren können", sagt sie. Nur so lässt sich das Verfahren effizient betreiben und der Verschleiß der Geräte in Grenzen halten. Dabei entwickeln die Cottbuser eine Technik, die Wasserstoff effizienter herstellen soll als die in Prenzlau. Denn die Uni-Anlage spart einen Arbeitsschritt. Sie erzeugt Gas bei einem Druck von 60 bar - das entspricht etwa dem Dreißigfachen des Drucks in einem Autoreifen. Die Technik in der Uckermark dagegen funktioniert mit geringerem Druck - hier muss der Wasserstoff nachträglich verdichtet werden. Ein Druck von 60 bar ist aber nötig, um Wasserstoffgas in Erdgasleitungen einspeisen zu können, wie Enertrag das plant.
Der Cottbuser Laborversuch soll nun möglichst schnell industrietauglich gemacht werden. In ein, zwei Jahren könnte es so weit sein, so BTU-Professor Krautz. Solche Wasserstoff-Speicher-Kraftwerke könnten dann überall dort aufgestellt werden, wo es genug Windstrom gibt und eine Einspeisemöglichkeit ins Erdgasnetz besteht.
Enertrag will auf Grundlage dieser Neuentwicklung größere Elektrolyse-Anlagen errichten mit einem Vielfachen der Leistung der Prenzlauer Anlage. "Mittelfristig wollen wir Anlagen mit fünf Megawatt Leistung bauen, dann wird das wirtschaftlich", sagt Diwald. Fünf Megawatt bedeutet, dass die komplette Stromerzeugung von zwei Windrädern in Wasserstoff umgesetzt werden kann. Sicherheitsprobleme sieht Diwald bei der Verwendung des explosiven Gases nicht. "Wenn alle Vorschriften eingehalten werden, ist die Gefahr nicht größer als bei anderen Energieträgern." Er glaubt, dass sich mit der Elektrolyse-Technik die Probleme mit der Speicherung von Windstrom in Brandenburg lösen lassen. "Und nicht nur in Brandenburg."