Warum gibt es – obwohl  die Kompliziertheit der Situation in der Ukraine seither überdeutlich bewusst ist – in der deutschen Hauptstadtregion bis heute keine Schule oder Universität, an der man Ukrainisch lernen kann? "Und warum hat das kleine Saarland acht bilinguale Schulen, in denen der Unterricht auf Deutsch und Französisch erfolgt. In Brandenburg aber gibt es noch keine einzige deutsch-polnische?", wie die Leiterin des Zentrums für Polenstudien an der Frankfurter Europa-Uni, Dagmara Jajesniak-Quast anmerkte.
Es waren kritische, aber auch selbstkritische Fragen, die Wissenschaftler von der Viadrina-Universität in Frankfurt  und der Uni Potsdam am Donnerstagabend auf einem Forum in der Landeshauptstadt stellten. Zwar gibt es zahlreiche Forschungsprojekte, die sich mit den Nachbarn im Osten beschäftigen. Und es existieren auch außeruniversitäre Einrichtungen, wie etwa das "Zentrum für zeitgeschichtliche Forschungen" in Potsdam, die sich diesem Themenbereich widmen.
"Warum muss man dann immer wieder hören, dass sich all das nicht zusammenfügt?" In diese Frage kleidete einer der profiliertesten deutschen Osteuropa-Forscher, Wolfgang Eichwede, seinen Appell an die Anwesenden, mehr aus diesem Potenzial zu machen. Der 77-jährige emeritierte Historiker von der Universität Bremen kann sich solche Offenheit leisten. Schließlich hatte er lange vor 1989 eine Forschungsstelle für Osteuropa an seiner Uni mitbegründet und dort eines der weltweit größten Archive für die  Schriften, Aufrufe und Kunstwerke von Oppositionellen aus den früheren sozialistischen Ländern angelegt.
"Auch heute gibt es viele Fragen zu den kritischen Entwicklungen etwa in Polen oder Ungarn", sagte Eichwede: "Aber wer analysiert die Diskussionen, die in diesen Gesellschaften geführt werden? Und reden wir nur über sie oder mit ihnen zusammen?"
Tatsächlich gibt es aktuell neue Ansätze zur Zusammenarbeit der Brandenburger Einrichtungen. Im laufenden Wintersemester etwa läuft eine gemeinsame Ringvorlesung zu den "Metropolen des Ostens", die abwechselnd in Potsdam und Frankfurt stattfindet und live in die jeweils andere Uni übertragen wird. Am kommenden Dienstag um 16 Uhr etwa wird in Potsdam die Frage gestellt: "War Odessa vor 1917 eine kosmopolitische Stadt?", eine Woche später geht es an der Viadrina über: "Minsk – die Sonnenstadt der Träume".
Einzelne Studierende wie etwa Simon Muschik, der in Potsdam  "Interdisziplinäre Russlandstudien" belegt hat, pendelt regelmäßig an die Viadrina, um hier zusätzlich Vorlesungen zur Ukraine zu hören. "Dank des Semestertickets, das für ganz Brandenburg gilt, ist das ganz einfach", berichtete der junge Mann.
In dieser Woche haben die Viadrina und die Stiftung in Genshagen zudem vertraglich vereinbart, ihre Kooperation zu vertiefen. "Die Stiftung Genshagen bringt die besondere Perspektive des deutsch-polnisch-französischen Weimarer Dreiecks unseren Studierenden nahe", sagte dazu die Viadrina-Präsidentin Julia von Blumenthal.
Der Präsident der Uni Potsdam, Oliver Günther, forderte die Wissenschaftler auf, noch stärker gemeinsam in die Offensive zu gehen. "Warum liegt denn nicht schon ein Antrag für einen gemeinsamen Sonderforschungsbereich vor?", fragte er provozierend. Zur Debatte über das Thema, das auch für die wirtschaftliche Entwicklung Brandenburgs Bedeutung hat, waren  die bildungspolitischen Sprecher der Landtagsparteien eingeladen. Leider erschien keiner von ihnen.

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