Ein Dreivierteljahrhundert später ist kaum einer der damals Beteiligten noch am Leben. Auch der 94-jährige Hans-Wilhelm Blume, der in Peitz bei Cottbus lebt, war zwar nicht direkt dabei, wäre aber  fast in das blutige Gemetzel geraten. "Zum Glück", wie er später oft empfand, war er einige Wochen zuvor an der Oder in sowjetische Gefangenschaft geraten. Doch die dramatischen Ereignisse, die er als gerade mal 18-Jähriger erlebte, haben ihn tief geprägt.
"Ich war Hitler-Anhänger und habe noch an den Endsieg geglaubt, als man uns im Februar 1945 an die Oder brachte." Das räumt der aus Schlesien stammende Deutsche  unumwunden ein. Junge Menschen seien nun einmal ideologisch leicht beeinflussbar und ihm habe besonders der Sportkult der Nazis gefallen. "Ich war stolz, Mitglied der Kreisauswahl der Hitlerjugend von Frankenstein (heute Zabkowice Slaskie) zu sein."
Die ersten Erfahrungen mit dem Krieg machte er bereits, als er nach seinem Schulabschluss 1943 als 16-jähriger Luftwaffenhelfer nach Stettin geschickt wurde. "Dort erlebte ich am 6. Januar 1944 einen Großangriff der englischen Luftwaffe. Eine große Bombe schlug nur 20 Meter neben mir ein. Es gab einen Toten und zwei Schwerverletzte."
Nach einem Einsatz beim Reichsarbeitsdienst folgte seine Ausbildung zum Unteroffizier in Oldenburg und Lübeck. "Mein Vater hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft. Mein älterer Bruder Karl-Heinz hatte den Zweiten Weltkrieg von Anfang an mitgemacht. Er war im Juni 1944 im weißrussischen Borisow gefallen."
Am 19. Februar 1945 ging es für 60 junge Unteroffiziere in Güterwagen von Lübeck in Richtung Osten. Die erste Ernüchterung erlebte Blume, als er bei der Bewaffnung in Potsdam nur ein Gewehr mit rostigem Lauf erhielt. Dazu gab es noch einen Luftangriff auf die Stadt. "Aus Angst, den nächsten Tag nicht zu erleben, aßen wir gleich die Ration für die kommenden 24 Stunden auf."
Am nächsten Abend, dem 21. Februar, kamen die Unteroffiziere in Seelow an. "Dort hörten wir schon die Schüsse von der Front, denn die Russen hatte ja einige Brückenköpfe ans westliche Oderufer geschlagen." In einer Fleischerei versuchte er etwas Essen zu ergattern, "doch ein Schild: ‚Halt, wer plündert wird erschossen!‘ dämpfte mein Hungergefühl".
Beim folgenden Fußmarsch ging es in Friedersdorf an einer nächtlichen Feier vorbei. Laute Musik und das Gejohle von Männern und Frauen waren zu hören. "Im Hause des Ortsbauernführers feierten Offiziere nach dem Motto: Genießt den Krieg, der Frieden wird furchtbar!"
Am nächsten Tag wurden die jungen Soldaten bei Podelzig zu ihren Stellungen gebracht. Auf Hügeln, die nur einen halben Kilometer von der russischen Linie entfernt waren. Der 18-Jährige kam in einen Unterstand, in dem sich zwei alte Fronthasen befanden – ein Oberschlesier und ein Wiener. Verrückt an der Situation war nicht nur, dass er der Vorgesetzte der beiden Männer sein sollte, die nur noch auf das eigene Überleben hofften. "Als ich sie nach der Lage fragte, antworteten sie mir unter anderem: Da hinten liegt Dein Vorgänger. Den hat ein Scharfschütze der Russen gestern erschossen."  Dieser Unteroffizier hatte versucht, Russen von einer kleinen Anhöhe mit dem Maschinengewehr zu erschießen, dabei hatte ihn selbst die tödliche Kugel  getroffen. "Die beiden Alten rieten mir, mich lieber zu verkriechen."
Die Deutschen wurden immer wieder mit sowjetischen Granaten beschossen. Sie spürten, dass der Gegner seine Geschütze für einen Angriff einrichtete.
Der 27. Februar, ein Dienstag, an dem die Sonne bereits kräftig über der Oder schien, sollte zu seinem Schicksalstag werden. "Mittags setzte überraschend heftiges Trommelfeuer ein. Der Lärm war ohrenbetäubend.  Die Granaten krachten rings um unsere Stellung herunter. Ich war so demoralisiert, dass ich mich fragte: Wann schlägt es endlich hier ein und es ist Schluss mit uns? Doch auf einmal wurde es ganz still. Da konnte ich Lerchen an den Oderhängen zwitschern hören. Mir zuckte der Gedanke durch den Kopf: Unten bringen sich die Menschen um. Und oben trillern die Vögel ihr Liebeslied."
In einer weiteren Pause näherten sich ungewohnte Stimmen. "Ich ahnte, was gleich passieren würde. Auf einmal steht ein russischer Soldat vor mir. Er guckt mich an, ich gucke ihn an. Dann fragt er: Uri jest?" Hans-Wilhelm Blume schüttelte mit dem Kopf: Seine Uhr war einige Tage zuvor zu Bruch gegangen.
Der Russe buddelte mit bloßen Händen die Erde weg, von der der Deutsche bis zur Hüfte verschüttet war. "Dann zog er mich an meinem Mantel heraus und riss dabei alle Knöpfe ab. Ich bedeutete ihm: Da unten sind noch zwei Männer. Die haben wir zusammen mit einem zweiten Russen rausgezogen."
Beim Abtasten von Blumes Manteltaschen fand einer der Russen zwei Zigarettenetuis. Bei der Beschreibung dessen, was dann passierte, zittert dem 94-Jährigen noch heute die Stimme: "Der Russe nahm die erste Zigarette aus dem Etui und reichte sie seinem Kumpel. Danach hat er sich selber eine angesteckt. Und dann gab er uns drei Deutschen auch jedem eine. Die erste Amtshandlung bestand also darin, gemeinsam eine zu rauchen. Denn anders verständigen konnten wir uns ja nicht."
Danach bedeuteten die Russen, deren eigentliche Aufgabe darin bestand, ein Fernmeldekabel zu verlegen, den Deutschen in Richtung der russischen Hauptstellung zu gehen. "Als wir losliefen, fürchteten wir, dass sie uns von hinten erschießen würden", beschreibt Blume. Doch es sollte ganz anders kommen. Statt der Russen, die ihr Kabel weiter verlegten, nahmen SS-Männer, die weiter oben lagen, ihre Landsleute unter Feuer. "Vermutlich hielten sie uns für Verräter". Mit Glück entkamen die drei Gefangenen den Schüssen.
Der sowjetische Bunker und die Verbindungsgänge waren zur Überraschung der Deutschen viel besser ausgebaut, als ihre eigenen Stellungen. Doch der Umstand, dass in den Schützengräben Leichen russischer Soldaten lagen, die schon blau angelaufen waren, war ein Schock. "Als ich zögerte, darüber hinweg zu laufen, rammte mir jemand einen MPi-Kolben in den Rücken", erzählt Blume. Ein Offizier, der gut Deutsch sprach, sagte ihnen dann Sätze, die er bis heute nicht vergessen hat: "Ihr habt Glück gehabt. Für euch ist der Krieg zu Ende. Doch ihr werdet fünf, zehn, 15 oder 20 Jahre arbeiten, bis alle Schäden in der Sowjetunion beseitigt sind, die die Deutschen angerichtet haben." Für den 18-Jährigen, der noch am Morgen dieses Tages an den deutschen Sieg geglaubt hatte, war dies eine erschütternde Voraussage.
Die weiteren Erlebnisse Blumes könnten Bücher füllen, hier aber nur im Stenogramm wiedergegeben werden. Die Deutschen wurden über die Oder gebracht und  mussten zunächst in der Kleinstadt Drossen (heute Osno Lubuskie) wochenlang Bäume fällen. Die Arbeit war ungewohnt und hart, aber wenigstens gab es Kartoffeln und Pferdefleisch zu essen. "Am 15. April sagten uns Rotarmisten: Morgen beginnt unser Großangriff auf Berlin an den Seelower Höhen. Und dann ist der Krieg kaputt."
Ende April wurden die Gefangenen beim Bau einer neuen Eisenbahnbrücke bei Frankfurt (Oder) eingesetzt. Die alte Brücke hatten die Deutschen gesprengt. Die Gleise auf der neuen Verbindung wurden mit riesigem Aufwand mit russischer Spurbreite errichtet. Damit Stalin als Sieger im Zug bis nach Berlin fahren konnte, was er später dann auch zu den Verhandlungen in Potsdam tat.
Über ein Zwischenlager im polnischen Posen wurden Blume und viele andere Deutsche im Juni bis in ein abgelegenes Gefangenenlager nach Karelien an der sowjetisch-finnischen Grenze transportiert. "Nach einiger Zeit mussten wir dort mit Russen zusammenarbeiten, die während des Krieges Ostarbeiter in Deutschland waren und als Verräter galten."
Harte Arbeit, ewiger Hunger, dazu Läuse, Krankheiten und Abstumpfung – das sind nur einige Stichworte, die beschreiben, was er in den kommenden Jahren erlebte. "Doch ich lernte auch die Seele der einfachen Russen kennen. Sie wünschten nichts als Frieden, nachdem der Krieg so viel Leid gebracht hatte. Einige Ärztinnen kümmerten sich sehr um uns." Im Frühjahr 1949, vier Jahre nach seiner Gefangennahme, sollte er die Oder wiedersehen. In einer Frankfurter Kaserne erhielt er am 15. April seine Entlassungspapiere. Dann fuhr er zu seinen Eltern.
"Ich brauchte lange, um mich wieder an das normale Leben zu gewöhnen. Erst nach einer Woche Essen stellte sich endlich das Gefühl ein, keinen Hunger mehr zu haben." Nach seiner Ausbildung zum Fischer übernahm er bereits 1953 die Leitung des Binnenfischerei-Betriebs in Peitz. Er konnte die Produktion stark anheben, weil er vom Motiv geleitet war: Wir dürfen keinen Hunger mehr zulassen! 1954 initiierte er das erste der bis heute traditionellen Fischerfeste. Dies alles bis hin zu der Tatsache, dass ihm 2019 der Verdienstorden des Landes Brandenburg verliehen wurde, verdankt Hans-Wilhelm Blume zwei russischen Soldaten, die ihn vor 75 Jahren nicht erschossen haben.