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Staatsanwalt zieht im Wulff-Prozess noch ein Ass aus dem Ärmel

Christian Wulff
Christian Wulff © Foto: dpa
dpa / 09.01.2014, 20:22 Uhr
Berlin (DPA) Ausgerechnet Olaf Glaeseker. Als Oberstaatsanwalt Clemens Eimterbäumer am Donnerstag im Korruptionsprozess gegen den früheren Bundespräsidenten die Vernehmung des einstmals engsten Vertrauter von Christian Wulff beantragt, wird es im Saal 127 des Landgerichts Hannover für einen kurzen Moment ganz still.

Auch der bis dahin gut aufgelegte und gerne lächelnde Wulff blickt ernst zu Boden. Denn bis zum schlagzeilenträchtigen Rauswurf Glaesekers im Dezember 2011 waren beide Männer praktisch unzertrennlich. Wo immer Wulff auftrat, war Glaeseker nicht weit - egal, ob in Wulffs Zeit als niedersächsischer Regierungschef oder später als Staatsoberhaupt.

Dies dürfte auch das Landgericht überzeugt haben, dem Beweisantrag Eimterbäumers zuzustimmen. "Wir sehen Punkte, dass wir nicht umhin kommen, Glaeseker zu vernehmen", sagt Richter Frank Rosenow und kündigt den 16. Januar als möglichen Termin an.

Für viele Beobachter kommt dies überraschend. Denn Glaesekers Name stand bislang nicht auf der Zeugenliste. Der Grund: Glaeseker konnte sich bisher auf ein Aussageverweigerungsrecht berufen, um sich nicht selbst zu belasten. Das galt aber nur bis zum Jahresende. Seither wäre eine mögliche Straftat verjährt. Zudem hatte Richter Rosenow zuletzt klargemacht, dass er den Prozess gern abkürzen würde. Anfangs war das Urteil für April angepeilt, zuletzt wurde es noch im Januar erwartet. Das muss nun warten.

Für Wulff und dessen Verteidigung ist dies der erste nennenswerte Rückschlag in dem Verfahren. Nach dem bisherigen Prozessverlauf war ein Freispruch Wulffs als deutlich wahrscheinlicher angenommen worden als eine Verurteilung. Beweise oder Aussagen, die den Vorwurf der Vorteilsannahme stützen, suchte man bislang vergebens.

Doch jetzt kommt Glaeseker, gegen den seit einigen Wochen an gleicher Stelle ein Prozess wegen Bestechlichkeit läuft. Dem bisher zurückhaltend agierenden Eimterbäumer ist mit dem Antrag auf die Befragung Glaesekers eine Überraschung gelungen. Dies weiß auch Wulffs Anwalt Michael Nagel, der ihm deshalb Prozessverschleppung vorwirft.

Die Hoffnung Eimterbäumers, Glaeseker könne als einstiger Vertrauter Wulffs helfen, offene Fragen zu den Absprachen rund um den Oktoberfest-Besuch zu klären, sei unbegründet, sagt Nagel. Der Zeuge sei an dem besagten Wochenende in München gar nicht dabei gewesen. Glaeseker und seine Frau Vera hatten sich seinerzeit kurzfristig gegen die Anreise entschieden.

Die Brisanz einer möglichen Aussage Glaesekers steckt aber nicht nur in dessen einstiger Freundschaft mit Wulff - dieser bezeichnete den heute 52-Jährigen einst als seinen "siamesischen Zwilling". Die Brisanz steckt auch in der Geschichte beider Männer: Seit Juni 2012 herrscht Funkstille, damals sahen sie sich auf Wulffs Geburtstagsfeier zum letzten Mal.

Wenige Tage später sagte Wulff bei der Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen gegen Glaeseker aus. Der Ex-Sprecher soll nach Ansicht der Ermittler von Party-Manager Manfred Schmidt mit Gratis-Urlauben bestochen worden sein, damit er Sponsoren für die Promi-Fete Nord-Süd-Dialog warb. Die Party sollte zwar Wulff und das Land Niedersachsen glänzen lassen, aber Schmidt soll daran finanziell kräftig verdient haben. Wulff will davon nichts gewusst haben - obwohl Glaeseker sagt, sein damaliger Chef sei über sein Handeln stets im Bilde gewesen. Nach der Aussage brach der Kontakt zwischen beiden Männern ab.

Am 10. Februar ist Wulff selbst als Zeuge im Prozess gegen Glaeseker geladen. Dann wird sich zeigen, ob er bei seiner Aussage bleibt. Sollte Wulff nachgewiesen werden, dass er mehr von Glaesekers Vorgehen wusste, dürfte dies seinem Ruf nicht zuträglich sein. Und den will Wulff ja durch einen Freispruch im eigenen Verfahren aufpolieren.

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