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Hoffnungstaler Werkstätten geben 870 Menschen mit Behinderungen einen Lebenssinn

Hoffnungstaler Werkstätten: Arbeit statt Almosen

Jörg Schreiber / 06.11.2014, 01:00 Uhr - Aktualisiert 07.11.2014, 16:12
Biesenthal (MOZ) Biojoghurt in unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen, süße und saure Sahne, Ayran sowie Weichkäse: Die Milchprodukte in den Regalen des modernen Ladens am Rande von Biesenthal (Barnim) sind garantiert frisch. Denn sie werden in der Bio-Molkerei im selben Gebäude hergestellt und kommen von dort direkt in den Verkauf. Kunden können durch große Glasscheiben in die Produktionsräume schauen. Dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen gemeinsam.

Die Bio-Molkerei gehört zur Hoffnungstaler Werkstätten gemeinnützige GmbH. Die diakonische Einrichtung ist eine 100-prozentige Tochter der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal. "Wir sind in Brandenburg die größte Werkstatt für Menschen mit Behinderungen", sagt Geschäftsführer Thomas Keller. Insgesamt gibt es nach seinen Angaben 870 angepasste Arbeitsplätze an zehn Standorten in den Landkreisen Barnim, Oder-Spree, Ostprignitz-Ruppin sowie in Berlin. Hinzu kommen 180 Mitarbeiter - von Arbeitspädagogen über Facharbeiter bis zu Ingenieuren.

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Hoffnungstaler Werkstätten

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Angefangen hatte alles nach der Wende: Im Jahr 1990 wurden die Hoffnungstaler Werkstätten gegründet, die zwei Jahre später von der Treuhand das 120 Hektar große Gelände des ehemaligen Volkseigenen Gutes Baumschulen Biesenthal erwarben. Die Baumschule samt Pflanzencenter gibt es noch immer und ist Anlaufpunkt für viele Kunden. Im Laufe der Jahre kamen auf dem weitläufigen Gelände immer mehr Bereiche hinzu wie die Hauptwerkstatt und der 2010 fertiggestellte Neubau der Bio-Molkerei.

"Wir sind einer der ganz wenigen kirchlichen Betriebe, die noch Landwirtschaft betreiben", erläutert Keller: "Vom Futteranbau über die Tierhaltung bis zur Milchverarbeitung gibt es hier alles aus einer Hand." So wurde hier die Marke "Lobetaler Bio" kreiert; die Produkte mit diesem Siegel werden in Berlin / Brandenburg und bundesweit vertrieben. "Es ist ein schönes Gefühl für die behinderten Menschen, sich mit ihrem eigenen Produkt im Handel wiederzufinden", sagt die Biesenthaler Werkstattleiterin Beatrix Waldmann. Das sei eindrucksvoller, als nur Zulieferer für die Industrie zu sein.

Mit ihrer Sozialarbeit setzen die Werkstätten die Tradition aus der Gründungszeit der Hoffnungstaler Stiftung Lobetal fort, die maßgeblich durch Pastor Friedrich von Bodelschwingh (1831-1910) geprägt wurde. Sein Grundsatz bei der Suche nach Angeboten für Menschen mit Behinderungen war: "Arbeit statt Almosen". In seinem Sinne setzen die heutigen Werkstätten auf Selbstbestimmung statt bloße Versorgung. Keller formuliert das Prinzip so: "Sozialarbeit verknüpft mit landwirtschaftlicher Produktion".

Bis heute wird viel von Hand gearbeitet, ob in der Baumschule, bei der Gebäudereinigung, der Grünflächenpflege, der Kleinserienfertigung etwa von Saunaelementen oder dem Recycling von Dialysefiltern, in der Bio-Gärtnerei, der Mosterei, der Bio-zertifizierten Gemüse-Schälküche, im Mauercafé an der Gedenkstätte Bernauer Straße Berlin oder im Haus Schwärzetal, einem Kultur- und Veranstaltungszentrum in Eberswalde. "Wir machen nichts, wo wir nicht mehrheitlich behinderte Menschen einsetzen können", sagt Keller und fügt an: "Wir sind im Amt Biesenthal-Barnim der größte Arbeitgeber."

Etwa die Hälfte der hier arbeitenden Menschen mit Behinderungen lebt in Wohnheimen, die andere Hälfte in eigenen Wohnungen. Großen Wert legt die Einrichtung auf die Qualifizierung: Die Menschen mit Behinderung werden zunächst zwei Jahre lang durch individuelle Beschäftigungsangebote auf eine Tätigkeit in der Werkstatt vorbereitet. Sie lernen dabei mindestens fünf Bereiche kennen und können sich am Ende entscheiden, in welchem sie arbeiten möchten. Die von der gemeinnützigen GmbH erwirtschafteten Überschüsse müssen wieder in die Werkstätten oder aber an die Beschäftigten zurückfließen. Der Aufbau der Werkstätten war zu einem großen Teil aus eigenen Mitteln gestemmt worden. "40 Prozent der Arbeitsplätze wurden aus dem Investitionsprogramm Pflege des Brandenburger Sozialministeriums gefördert", erläutert Keller, wobei es dabei um Investitionen für Bau und Ausstattung der Arbeitsräume ging. "Die restlichen Arbeitsplätze haben wir selber finanziert." Zudem flossen 550 000 Euro Fördermittel - ausgereicht über die Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) - in den Neubau der Bio-Molkerei, der damit zu einem Fünftel gefördert wurde.

Um sich im Wettbewerb mit Anbietern aus der freien Wirtschaft behaupten zu können, setzen die Hoffnungstaler Werkstätten vor allem auf Qualität, Innovationen und Kundenservice: "Wir veredeln beispielsweise Obstbäume für die Kunden oder nehmen Pflanzen zur Überwinterung entgegen", führt Beatrix Waldmann an. Und zum Lutherjahr 2017 werde ein spezieller "Luther-Apfel" als neue Sorte kreiert.

Besonderen Wert legen die Werkstätten auf Nachhaltigkeit. Das zeigt sich nicht nur in der konsequenten Orientierung auf die Bio-Landwirtschaft. Die gGmbH arbeitet auch eng mit dem Naturpark Barnim zusammen. So gehen 3 Cent von jedem verkauften Naturjoghurt-Becher an den Naturpark. "In diesem Jahr können wir mehr als 5000 Euro überweisen", sagt Beatrix Waldmann.

Preisträger in Kürze


■ Branche: Sozialeinrichtung
■ Standorte: 10, u.a. Hauptwerkstatt Biesenthal, Lobetal, Erkner.
■ Mitarbeiter: 870 Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Beeinträchtigung sowie 180 Personalmitarbeiter
■ Umsatz: 18 Millionen Euro (Gewerbeerträge und Rehabilitationsentgelte)
■ Fördermittel seit 2007: 550 000 Euro von Bund und Land aus dem Programm "Verbesserung der regionalen Wirtschaftstruktur" für Neubau der Bio-Molkerei- sowie Zuschüsse aus dem Investitionsprogramm Pflege des Landes Brandenburg
■ Internet:www.lobetal.de/INTERNET/ unsere-angebote/werkstaetten/

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