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Welche Rolle Gesichter bei der Wahlentscheidung spielen

Kreuz nach Nase?

Sympathisch oder nicht? Bilder beeinflussen Wahlentscheidungen - aber nicht bei jedem Wähler gleichermaßen.
Sympathisch oder nicht? Bilder beeinflussen Wahlentscheidungen - aber nicht bei jedem Wähler gleichermaßen. © Foto: picture alliance / dpa
Ina Matthes / 12.08.2017, 20:29 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Was wäre, wenn auf unseren Wahlzetteln Fotos der Kandidaten gedruckt wären? Würden wir unsere Kreuze anders setzen?

Leitet uns der Augenschein? Das lässt sich derzeit im Selbsttest durchspielen, wenn uns Gesichter oft wenig populärer Politiker auf Plakaten begegnen. Die junge Frau mit langen Locken, nett lächelnd. Der Herr mit Brille, Bart, festem Blick. Welcher Nase würden wir unsere Stimme geben?

Alexander Todorov, Psychologe an der Uni Princeton, beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Fragen und hat gerade ein Buch herausgebracht. Wie beeinflussen Gesichter Wahlentscheidungen? Er hat dazu zig Experimente mit Studenten und Wählern ausgewertet und selbst getestet. So zeigte er tausend Leuten Porträts von Kandidaten länger zurückliegender Kongresswahlen. Die Testpersonen sollten sagen, wer ihnen besonders vertrauenswürdig, durchsetzungsstark und vor allem kompetent erschien. Diejenigen Politiker, die die höchsten Bewertungen bekamen, waren damals oft Wahlsieger gewesen. Die Übereinstimmung lag bei 70 Prozent. Etwa das Gleiche kam heraus, wenn Leute aus Bulgarien, Finnland oder Italien über ihnen unbekannte Kandidaten aus anderen Ländern abstimmten.

Sehen wir ein fremdes Gesicht, brauchen wir eine Zehntel Sekunde, um uns einen Reim auf die Person zu machen, ihren Charakter. Das geschieht intuitiv. Aber es muss in der Wahlkabine nicht zwangsläufig eine Rolle spielen. Todorov fand heraus, dass die äußere Erscheinung auf politisch Gebildete kaum eine Wirkung hat. Wenn wir aber über Kandidaten nichts wissen, neigen wir dazu, aus dem Bauch heraus das Kreuz zu setzen. Den stärksten Effekt haben Gesichter auf "politisch ignorante Couchkartoffeln", die viel fernsehen, wie Todorov meint. Solche Leute bringen Kandidaten ein paar Prozent, hat ein anderer Forscher überschlagen. Bei einem knappen Rennen kann das den Ausschlag geben.

Doch was heißt schon kompetent? Das liegt im Auge des Betrachters und hängt sehr von den Umständen ab. In Krisenzeiten punkten kantige, entschlossene Gesichter stärker. Auch bei der Wahl zwischen Trump und Clinton waren Äußerlichkeiten bedeutsam, meinen US-Forscher Trump erschien Leuten vom Land und weißen, wenig gebildeten Männern als vertrauenswürdiger. Das Ganze lief vor dem Hintergrund einer Debatte über die Verkommenheit der alten Elite, zu der Trump-Fans Clinton zählten.

Die Situation beeinflusst, wie wir Gesichtszüge bewerten. Todorov führt das mit Fotos vor. Auf einem Bild sieht man einen Mann mit erhobener Faust und verbissener Miene. Er wirkt aggressiv. Das Foto ist retuschiert. Im Original hält der Mann eine Windel angewidert hoch. Der Ausdruck von Ekel gleicht dem von Aggression. Was wir aus Gesichtern zuverlässig lesen können, sagt Todorov, ist: Was fühlt jemand gerade? Hingegen ist das Gesicht ein lausiger Ratgeber, wenn es um Charakter, um Kompetenz geht.

Weniger Macht den Bildern, das ist auch bei Personalfragen eine Überlegung wert. Im US-Baseball wählten Berater Spieler unter anderem nach Attraktivität aus. Trainer Billy Beane hingegen holte zu den Oakland A`s die Unterschätzten, die nicht nach Star aussahen, aber gute Leistungen brachten. Mit wenig Geld formte er ein starkes Team, das es mehrfach in Folge in die Play-Offs schaffte.

Fragen und Meinungen zu Nachgeforscht an: cvd@moz.de

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