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Werbung für die Demokratie - Wenn Jugendliche wählen dürfen

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz besuch in Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) ein Fußball-Turnier von der satirischen Demokratie-Bewegung «Storch Heinar» und spielt Fußball.
Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz besuch in Parchim (Mecklenburg-Vorpommern) ein Fußball-Turnier von der satirischen Demokratie-Bewegung «Storch Heinar» und spielt Fußball. © Foto: dpa
13.09.2017, 07:33 Uhr
Erfurt (dpa) SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz will schon mit 16 wählen lassen. Zwei Initiativen simulieren die Bundestagswahl für Kinder und Jugendliche. Was bringt das?

Rund 61,5 Millionen Menschen können am Sonntag in einer Woche über einen neuen Bundestag abstimmen - allerdings nur wer ab 18 Jahren alt ist. Seit mehr als 20 Jahren geben zwei bundesweite Projekte auch Kindern und Jugendlichen eine Stimme - inklusive Urnengang: die U18- und die Juniorwahl.

In beiden Fällen geht es um die politische Bildung junger Menschen. Aber ist das überhaupt nötig? Sind Heranwachsende in Deutschland tatsächlich so unpolitisch wie oft behauptet wird? Oder sollte das Wahlalter vielmehr auf 16 herabgesetzt werden, wie SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz jüngst im TV-Duell forderte?

Unpolitisch sind Henriette Reinsch (15), Benedikt Bathe (16) und Timo Reidenbach (16) sicher nicht. Die Gymnasiasten an der Edith-Stein-Schule in Erfurt organisieren mit ihrem Sozialkunde-Kurs die U18-Wahl an ihrer Schule.

Über den Vorschlag ihres Lehrers Konrad Burckhardt (36), ob ihr Kurs die Wahl für die mehr als 800 Mitschüler organisieren wolle, mussten die drei nicht lange nachdenken. An diesem Freitag (15. September), neun Tage vor der echten Wahl, geben bundesweit mehr als 200 000 Kinder und Jugendliche ihre Stimme ab. Die Juniorwahl, eine Initiative an Schulen, läuft bereits. Projektleiter Gerald Wolff geht von einer Million Schüler aus, die bis zum 24. September abstimmen werden.

Überrascht waren die Schüler an der Edith-Stein-Schule bei den Vorbereitungen auf die U18-Wahl allerdings doch. Stimmzettel, Wahlkabinen, Urnen, Wahlhelfer - "ich hätte nicht gedacht, dass der Aufwand so groß ist, selbst bei unserer sehr kleinen Wahl", sagt Henriette Reinsch.

"Wenn ich Politik im Unterricht mache, ist das eine ziemlich trockene Materie", sagt Sozialkunde-Lehrer Burckhardt. Dabei sei das Ausprobieren demokratischer Grundlagen enorm wichtig. Deshalb schätzt er die U18-Wahl, die vom Familienministerium und der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wird. "Ich denke, dass Demokratie vom Mitmachen und Einmischen lebt." Auch Gerald Wolff, Leiter der Juniorwahl sagt: "Die Möglichkeit, die wir in unserer Demokratie haben, ist was Großartiges. Dafür gilt es, ein Bewusstsein zu schaffen."

Für Michael May, Professor für Didaktik der Politik an der Universität Jena, fördern solche Initiativen die Auseinandersetzung mit Parteienpositionen und führen zu einer begründeten Wahlentscheidung. Außerdem würden Jugendliche damit das Wahlsystem kennenlernen. "Auch dies baut Hürden ab, die die Jugendlichen bei erreichter Volljährigkeit vom Gang zur Wahlurne abhalten könnten."

Zwar könne man nicht von einer dramatischen Politikverdrossenheit reden, sagt May. Doch Projekte wie U18 oder Juniorwahl seien wichtig. "Grundsätzlich braucht es solche Bildungsanlässe." Insbesondere die etablierten Formen der politischen Teilhabe seien für Jugendliche heute wenig attraktiv. Die Wahlbereitschaft unter jungen Menschen sei zwar hoch - letztlich machten jedoch verhältnismäßig wenige junge Menschen ihr Kreuz auf dem Wahlzettel.

Bei der Bundestagswahl 2013 war die Wahlbeteiligung unter den 21- bis 25-Jährigen mit 60,3 Prozent sogar am niedrigsten. Auch bei den 25- bis 30-Jährigen (62,4 Prozent) und den Unter-21-Jährigen (64,2 Prozent) lag sie deutlich unterm Durchschnitt von 71,5 Prozent.

Ergibt es dann überhaupt Sinn, schon mit 16 wählen zu dürfen? "Aus der Perspektive politischer Bildung spricht vieles für eine Herabsetzung des Wahlalters", sagt May. "Jugendlichen wird signalisiert, dass sie ernstgenommen werden und ihre Meinung gehört wird." Dafür müsse aber in Schulen kontinuierlich politische Bildung betrieben werden, etwa durch zwei Stunden Sozialkunde wöchentlich ab der siebten Klasse.

Auch die Schüler der Edith-Stein-Schule in Erfurt bewerten die Herabsetzung des Wahlalters differenziert. Klar, sie selbst würden gerne wählen, sagen Reinsch, Bathe und Reidenbach. "Nur weil wir jünger sind, heißt das ja nicht, dass wir nicht wählen und uns keine Meinung bilden können", sagt Reidenbach, der selbst in der Schüler-Union aktiv ist. Bathe gibt jedoch zu bedenken, dass nicht alle 16-Jährigen politisch interessiert und gebildet seien. Manchmal sei es deshalb vielleicht nicht schlecht, noch zwei Jahre zu warten.

Einen Effekt der U18-Wahl sehen alle Beteiligten. Für Lehrer Burckhardt biete die Wahl eine Möglichkeit, politische Wirksamkeit zu erfahren. Und Henriette Reinsch sagt: "Mein kleiner Bruder ist schon ganz aufgeregt." Er geht in die fünfte Klasse.

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