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Staatsbesuche
Zu Besuch bei "Freunden"

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan (r) und der französische Präsident Emmanuel Macron in Brüssel
Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan (r) und der französische Präsident Emmanuel Macron in Brüssel © Foto: dpa
Gerd Höhler / 03.01.2018, 23:00 Uhr
Athen (MOZ) Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan besucht am Freitag den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Paris. Tags darauf begrüßt Bundesaußenminister Sigmar Gabriel in seinem Heimatort Goslar seinen türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu zu einer privaten Unterredung. Die türkische Regierung versucht, zerschlagenes Porzellan zu kitten.

26 Länder hat Erdogan 2017 besucht, 144 000 Flugkilometer zurückgelegt. Meist gingen die Reisen nach Osten. Allein vier Mal besuchte Erdogan Russland. Aber in jüngster Zeit fliegt er wieder häufiger nach Westen. Das signalisiert eine Kurskorrektur in Erdogans Außenpolitik.

Das Vorjahr markierte einen nie dagewesenen Tiefpunkt in den Beziehungen der Türkei zum Westen. Erdogan überzog die Europäer mit Faschismus-Tiraden, auch Kanzlerin Angela Merkel persönlich warf er "Nazi-Methoden" vor. Europa, so zeterte Erdogan, sei "ein verrotteter Kontinent", bevölkert von "Nazi-Überbleibseln".

Jetzt scheint es, als wolle er diese Ära hinter sich lassen. "Wir haben keine Probleme mit Deutschland, den Niederlanden oder Belgien", erklärte Erdogan kurz vor dem Jahreswechsel überraschten Journalisten auf dem Rückflug von einer Afrika-Reise. "Im Gegenteil, jene, die diese Länder regieren, sind alte Freunde von mir." Besonders hob Erdogan seine "sehr guten Beziehungen" zu Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hervor.

Nachdem der türkische Präsident bereits im Dezember nach Griechenland reiste, besucht er nun als zweites EU-Land in kurzer Zeit Frankreich. Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin beschwor vor dem Besuch die "sechs Jahrhunderte alten Beziehungen" zwischen der Türkei und Frankreich und kündigte einen "engen Dialog" mit Paris an. Heute ist Frankreich der fünftgrößte Absatzmarkt für die türkischen Exporteure und für die Türkei ein wichtiger ausländischer Investor sowie ein bedeutender Lieferant von Rüstungsgütern.

In Paris hieß es, die Situation der Menschenrechte in der Türkei werde bei dem Treffen der beiden Präsidenten am Freitag zur Sprache kommen. Es wäre auch keine Überraschung, wenn Macron stellvertretend für Merkel den Fall des seit fast einem Jahr inhaftierten "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel anspricht. Nach der Freilassung mehrerer Deutscher hofft die Bundesregierung auf Bewegung im Fall Yücel. Auch in Ankara scheint man erkannt zu haben, dass sich die Türkei auf die Dauer keine politische Eiszeit mit Deutschland, dem wichtigsten Handelspartner und einem der größten ausländischen Investoren, leisten kann. So bat Außenminister Cavusoglu jetzt sogar in einem Interview deutsche Urlauber, an die verwaisten Strände seines Landes zurückzukehren. Seinen Kollegen Sigmar Gabriel umschmeichelt er als "persönlichen Freund".

Auch Erdogan will seine Suche nach neuen Freunden fortsetzen. Er ließ gegenüber Reportern bereits durchblicken, dass weitere Europa-Reisen in der Planung sind: zum Vatikan, nach Holland - und möglicherweise sogar nach Deutschland.

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