Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Kontroverses Gedenken an Bombardierung Dresdens / These vom sogenannten Schultkult ist laut einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht haltbar

Zweiter Weltkrieg
Von der Schwierigkeit, sich zu erinnern

Neben Demonstrationen gibt es in Dresden auch das stille Gedenken. Obürgermeister Dirk Hilbert (FDP) steckt auf dem Alten Annenfriedhof ein Holzkreuz in die Erde.
Neben Demonstrationen gibt es in Dresden auch das stille Gedenken. Obürgermeister Dirk Hilbert (FDP) steckt auf dem Alten Annenfriedhof ein Holzkreuz in die Erde. © Foto: dpa/Monika Skolimowska
André Bochow / 14.02.2018, 09:15 Uhr
Berlin (MOZ) Dresden ist nicht die einzige deutsche Großstadt, die während des Zweiten Weltkrieges von anglo-amerikanischen Bomben zerstört wurde. Aber nirgendwo sonst löst die Erinnerung an das Bombardement so viel Emotionen aus. Auch  an politischem  Missbrauch herrscht kein Mangel.

Der MDR-Sachsen hat eine Hotline eingerichtet, damit Interessierte den Überblick über die vielen Ereignisse an diesem 13. Februar behalten. Um 10 Uhr wird gemeldet, dass „auf dem Alten Annenfriedhof der Bund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Gedenken der Opfer der Bombardierung eingeladen“ hat. „An der Sporergasse 10 wird an die deportierten und getöteten Juden erinnert. Weitere Veranstaltungen gibt es unter anderem auf dem Äußeren Matthäusfriedhof und dem Urnenhain Tolkewitz.“ Es wird an diesem Tag noch eine Lichterkette geben und das Glockenläuten am späten Abend. Und wie immer sind auch besonders  Rechte und  Rechtsradikale präsent. Schon am Wochenende waren 500 Neonazis aufmarschiert. Nun legen Vertreter der NPD, der AfD und diverser Burschenschaften auf dem Heidefriedhof Kränze nieder.

Antifaschisten wiederum bringen auf demselben Friedhof rote Nelken zur Gemeinschaftsanlage für die Opfer des Nationalsozialismus. Nicht weit davon entfernt finden sich auf einer Sandsteinwand die Worte des Schriftstellers Max Zimmering. „Wie viele starben? Wer kennt die Zahl? An Deinen Wunden sieht man die Qual. Der Namenlosen die hier verbrannt. Im Höllenfeuer aus Menschenhand.“ Aber wer weiß schon noch, wer Max Zimmering war? Ältere, in der DDR Sozialisierte, haben vielleicht noch das Buch „Die Jagd nach dem Stiefel“ im Kopf. Viele werden es nicht mehr sein. Wie überhaupt die Vergangenheit verschwimmt. Was zu absonderlichstem Umgang mit ihr führt. Die Einen vergessen die eigentliche Ursache für die Bombardierungen, der nach neueren Erkenntnissen 25 000 Menschen zum Opfer fielen. Andere provozieren Pegida-Anhänger mit blanken Brüsten und der auf die Haut gemalten Aufschrift: „Bomber Harris  do it again“. Der britische Luftwaffengeneral Arthur Harris hatte seinerzeit den Angriff auf Dresden befohlen.

In Berlin wird an diesem 13. Februar  eine Studie vorgestellt. Wissenschaftler der Uni Bielefeld haben mittels einer repräsentativen Umfrage versucht herauszufinden, „Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert“. Nicht besonders gut, könnte man nach einem ersten Blick auf die Studie sagen, die die „Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft“ gefördert hat. Bislang fehlten in Deutschland Untersuchungen darüber, was die Bevölkerung zur „Erinnerungskultur“ sagt. So sieht es jedenfalls der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick. Dabei „basiert unser gesamtes Grundgesetz auf den Erfahrungen aus dem Krieg“. Nach Mehrheitsmeinung der befragten Deutschen war aber  das „wichtigste Ereignis in Deutschland seit 1900“ die Wiedervereinigung. 39 Prozent sehen das so. 37 Prozent halten den Zweiten Weltkrieg für wichtiger. Wobei die Älteren deutlich stärker vom Krieg geprägt sind. Was sich wirklich in der Zeit des Nationalsozialismus abgespielt hat, scheint nur bedingt bekannt zu sein. Nicht einmal jeder Fünfte glaubt, dass zu seinen Vorfahren Täter gehören. Andererseits finden 84 Prozent der Befragten, dass man sich mit Geschichte beschäftigen muss, damit „der Nationalsozialismus nicht zurückkommt“. Verbreitet besteht Sorge, dass sich der Holocaust wiederholen könnte. Doch schuldig wegen des Holocausts fühlt sich fast niemand. Wenn jetzt von einem „Schuldkult“ in Deutschland gesprochen werde, so Andreas Zick, „entspricht das überhaupt nicht der Meinung der Bevölkerung“.

Im realen Leben drückt sich die Bevölkerung nicht immer so gewählt aus, wie bei Befragungen durch Wissenschaftler. Um 14.59 Uhr meldet der MDR-Live-Ticker: „Auf dem Heidefriedhof sind die Kränze der AfD zerstört worden.“ Der AfD-Landtagspolitiker André Barth spricht von  „politisch-motivierter Grabschändung“. Er hofft  „auf ein hartes Durchgreifen der Justiz“.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG