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Findelkinder
„Ich hoffe nicht, dass wir hier einen neuen Kampusch-Fall haben“

Symbolfoto: Eine Krankenschwester hält ein Kleinkind auf dem Arm.
Symbolfoto: Eine Krankenschwester hält ein Kleinkind auf dem Arm. © Foto: dpa/Ralf Jakobs
Maria Neuendorff / 17.05.2018, 07:30 Uhr - Aktualisiert 18.05.2018, 15:04
Berlin/Panketal (MOZ) Innerhalb von drei Jahren werden drei Neugeborene ausgesetzt, die alle von derselben Mutter stammen. Was bewegte sie zu den Taten? Wurde sie dazu gedrängt oder sogar irgendwo gefangen gehalten? Die Polizei befürchtet weitere Kindesaussetzungen.

Es ist Sonntag kurz vor 22 Uhr , als Andrea N.*  in  Panketal (Barnim) noch einmal zum Mülleimer geht, um den Dreck aus dem Katzenklo zu entsorgen. In der Garageneinfahrt ihres Einfamilienhauses stößt die 34-Jährige plötzlich auf ein helles Bündel. Es ist ein Baby, gerade mal fünf Stunden alt, eingewickelt in ein Handtuch. Das kleine Mädchen, 3,5 Kilo schwer und 49,5 Zentimeter groß, kommt mit Unterkühlungen ins Klinikum Buch. Dort wurden in den beiden Sommern zuvor auch zwei Findelkinder versorgt, die im Berliner Norden gefunden worden waren. „In dem Moment haben wir natürlich gleich darüber nachgedacht, dass die Fälle zusammenhängen könnten“, sagt Polizeikommissar R. Schwarz.

Seinen vollen Namen will er nicht nennen. Die Anfragen an ihn als ermittelnden Beamten sind ohnehin schon so zahlreich, dass seine Arbeit liegen zu bleiben droht. Denn der Fall, der Berliner und Brandenburger Ermittler derzeit beschäftigt, ist deutschlandweit einzigartig. Die drei Findelkinder, die innerhalb von drei Jahren in der gleichen Region ausgesetzt wurden, haben dieselbe Mutter. „Wir wissen nicht, in welchen Umständen sie lebt, unter welchen Zwängen sie agiert und ob sie die Babys freiwillig hergibt“, sagt Schwarz.

Nach derzeitigem Erkenntnisstand muss er in alle Richtungen denken. Es ist sogar möglich, dass die Mutter irgendwo festgehalten wird. Nur eines scheint fast sicher: Die Mutter muss aus der Region stammen. Doch warum ist niemandem aufgefallen, dass eine Frau dreimal hintereinander schwanger ist, dann aber keine Kinder hat?

Die Polizei hat nach den drei Fällen Nachbarn, Ärzte und Geschäftstreibende befragt, teils auch Suchplakate aufgehängt. In den Medien gab es Zeugenaufrufe. „Es gibt ja Frauen, die ihre Schwangerschaft irgendwie verbergen können oder sagen, dass sie bis zur Geburt selbst davon nichts gemerkt haben. Aber dass so etwas dreimal hintereinander geschieht, ist höchst unwahrscheinlich. Ich hoffe nicht, dass wir hier einen neuen Kampusch-Fall haben“, sagt der 40-jährige Polizist mit Blick auf die Österreicherin, die von ihrem Entführer acht Jahre lang in einem Keller gefangen gehalten und missbraucht wurde.

Doch gegen die These, dass jemand anderes die drei Geschwister nacheinander ausgesetzt hat, spricht ein Überwachungsvideo des Krankenhauses Buch vom 2. September 2015. Es ist abends und schon dunkel. Daher sind die Aufnahmen ziemlich undeutlich. Was die Ermittler aber erkennen können, ist, wie eine langhaarige Frau mit einem weißen Kissen im Arm über den Klinikparkplatz zur Bushaltestelle geht und dort etwas ablegt. Wenig später entdecken Spaziergänger den frisch geborenen Säugling, der später Emma getauft wird. Im Gegensatz zu ihren Schwestern Lilo und Hanna ist sie mit einem Strampler bekleidet. Bei Untersuchungen dieses ersten Findelkindes werden auch Spuren eines Betablockers festgestellt. Ein Medikament, das bei Bluthochdruck, aber auch bei Angstzuständen verschrieben wird. Damals wird keine DNA der Mutter gefunden. Diese entdecken die Ermittler erst in den Handtüchern der weiteren Babys, die 2016 und 2017 in Wohngebieten ausgesetzt werden. Inzwischen gehen die Ermittler auch davon aus, dass die drei Schwestern zudem denselben Vater haben. Beweisen könnten sie es allerdings nur, wenn sie dessen DNA hätten.

Der Fall weckt schlimme Erinnerungen an Sabine H., die neun getötete Babys in Blumenkübeln auf ihrem Grundstück in der Nähe von Frankfurt (Oder) vergrub. Vor Gericht begründete die Frau, die zuvor drei Kinder normal aufgezogen hatte, ihre Taten damit, dass ihr Mann keinen weiteren Nachwuchs geduldet hätte.

Die drei Geschwister aus dem aktuellen Fall sind heute körperlich unversehrt. „Aber ihre Geschichte wird für sie später sicher zu einer psychischen Belastung werden“, glaubt Kommissar Schwarz. Alle drei lebten derzeit in Pflegefamilien. Wo genau, wird zum Schutz der Kinder streng geheim gehalten. „Irgendwann wird man sie über ihre Herkunft aufklären. Sie haben ein Recht darauf zu erfahren, dass sie noch Geschwister haben“, erklärt Schwarz.  Er und seine Berliner Kollegen, die nun intensiv mit dem Brandenburger LKA zusammenarbeiten, hoffen, bald die Mutter selbst zu den Hintergründen befragen zu können. Die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Kinder von ihr ausgesetzt werden, sei groß. Und die Gefahr, dass ein Baby nicht rechtzeitig gefunden wird und stirbt, auch. „Es war jedes Mal auch viel Glück im Spiel“, betont der LKA-Mann. „Ich hoffe, dass wir beim nächsten Mal nicht einen weiteren toten Säugling finden.“

Auch die öffentliche Fahndung birgt ein Risiko, setzt sie doch die Eltern vielleicht unter Druck. Hoffnung, dass sie nicht völlig gefühllos sind, macht die Tatsache, dass die Babys immer eingewickelt in der Nähe von Menschen abgelegt wurden. „Man hat sie nicht wie Müll weggeworfen. Die Fundorte wirken eher ein wenig wie eine Übergabe“, berichtet Schwarz. „So nach dem Motto: Bitte kümmert Euch.“ (* Namen von der Redaktion geändert.)

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