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Smart Homes und das Internet der Dinge sind auf dem Vormarsch – die Sicherheit bleibt dabei oft auf der Strecke

Internet der Dinge
Angriff der Waffeleisen

Risiko: die Steuerung des Hauses per App
Risiko: die Steuerung des Hauses per App © Foto: dpa/Marijan Murat
Igor Steinle / 12.10.2018, 07:15 Uhr
Berlin (MOZ) Immer mehr Geräte sind mit dem Internet verbunden. Doch leider sind die smarten Kameras, Kühlschränke und Teddybären oft kaum gegen Angriffe gesichert. Das bringt nicht nur deren Besitzer in Gefahr.

Das Versprechen der Zukunft lautet Bequemlichkeit. Das Licht im sogenannten Smart Home geht automatisch an, wenn man den Raum betritt, Heizkörper lassen sich über das Smartphone regeln und den Fernseher steuert man über den Sprachassistenten. Das alles ist längst Realität, denn die Haushaltsgeräte im Smart Home sind mit dem Internet verbunden. Doch die Bequemlichkeit kommt nicht ohne Risiko: Was, wenn eines Abends die Wohnung kalt ist, die Heizkörper aus, die Lampen flackern und der Fernseher dazu auffordert, Lösegeld zu bezahlen?

Was nach einem schlechten Scherz klingt, ist für Hacker ein Kinderspiel. Das demonstrierten Sicherheitsforscher auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin bei einem Live-Hack. Vorbild ist der „WannaCry“-Virus, der im vergangenen Jahr Krankenhäuser, Unternehmen und Privatpersonen erpresste. Experten sind sicher: Diese Gefahr wird in Zukunft wachsen. Denn das „Internet der Dinge“ erobert Haushalte weltweit.

Zehn Milliarden vernetzte Geräte sind bereits in Gebrauch, laut Marktforschungsunternehmen Gartner sind es in zwei Jahren 25 Milliarden. So wie man heute keinen Fernseher mehr kaufen kann, der nicht vernetzt ist, wird das in Zukunft bei nahezu allen Zahnbürsten, Teddybären und Dunstabzugshauben der Fall sein. Der ehemalige Schachweltmeister Garri Kasparow, der heute als IT-Sicherheitsberater tätig ist, schlussfolgert: „Cyberkriminalität wird ein größeres Problem als Drogen- oder Menschenhandel.“

Denn der vernetzte Hausrat ist gegen Angriffe oft so schlecht gesichert wie offene Scheunentore gegen Profi-Einbrecher. „Bei den Geräten haben wir es mit Computern zu tun, die oft auf billige Weise produzierten wurden“, erklärt Linus Neumann vom Chaos Computer Club, gravierende Mängel wie ungesicherte WLAN-Schnittstellen, fehlenden Passwortschutz oder ausbleibende Sicherheitsupdates. Das beunruhigt inzwischen auch die Sicherheitsbehörden. Das Bundeskriminalamt warnt: „Viele Hersteller, die ihre Produkte internetfähig machen wollen, haben noch keine Erfahrung mit der Entwicklung sicherer Software. Sie stehen unter Zeitdruck und scheuen zusätzliche Kosten, um das nötige Know-how aufzubauen“, heißt es im jüngsten Lagebericht des BKA.

Wie anfällig die Geräte wirklich sind, zeigt eine Studie des IT-Sicherheitsunternehmen Avast. Mehr als ein Drittel aller Smart-Home-Netzwerke enthalten demnach Geräte, die anfällig für Cyberattacken sind. „Ein intelligenter Haushalt ist nur so sicher wie sein schwächstes Glied in der Kette“, sagt Avast-Technikvorstand Ondrej Vlcek. „Jedes Gerät, das mit dem Netzwerk verbunden ist, kann ein Einfallstor für Hacker werden.“ Diese könnten die Alarmanlage ausschalten, warnt das BKA. Aber nicht nur das: Ein anderes Problem sind Bot-Netzwerke.

So könnten sich Nutzer beispielsweise ihre internetfähige Zahnbürste schon längst mit einem fremden Botnetz teilen, ohne etwas davon zu ahnen. Internetfähige Geräte werden dafür mit einer Schadsoftware infiziert und fremdgesteuert. 2016 etwa übernahmen Angreifer weltweit Überwachungskameras und legten mittels Millionen von Anfragen, die von den gekaperten Geräten ausgingen, große Teile des Internets lahm. Heute warnen Forscher davor, dass sich neue Netze bilden, die weit größer sind. Erst diese Woche meldete eine IT-Firma, dass Millionen Kameras mit nicht zu ändernden Standard-Passwörtern versehen und auf einfachstem Wege ausfindig zu machen sind.

Dieser Wild-West-Zustand hat auch die Politik alarmiert. Der Ruf nach Regulierung wird lauter. „Wir erwarten von Horst Seehofer, dass er nach den Kapriolen der vergangenen Wochen und Monate jetzt endlich in den Arbeitsmodus kommt“, fordert SPD-Digitalexpertin Saskia Esken. Tatsächlich ist im Innenministerium ein freiwilliges Gütesiegel in Planung, mit dem Kunden beim Kauf sichere Geräten erkennen können. Mit einer Einführung kann 2019 gerechnet werden, sagte Innenminister Seehofer (CSU) am Donnerstag bei der Vorstellung des BSI-Lageberichts.

Dass das jedoch ausreicht, das Internet der Dinge zu reparieren, glauben nicht einmal Unionskollegen. „Uns geht es darum, in einem ersten Schritt Aufmerksamkeit für das Problem herzustellen“, sagt Christoph Bernstiel, IT-Experte der CDU. Grünen-Netzpolitiker Konstantin von Notz macht darüber hinaus auf das Update-Problem aufmerksam: „Seit Jahren fordern wir effektive Schutzmaßnahmen wie verpflichtende Sicherheitsupdates.“

Auf eine Kennzeichnungspflicht für diese Geräte besteht hingegen Anke Domscheit-Berg von der Linken. Genauso wie auf eine Klärung der Haftungsfrage, wenn mit einem gekapertem Gerät beispielsweise Krankenhäuser lahmgelegt werden. „Sonst könnte jemand kommen und sagen: Dir gehört dieser Toaster, und du bist schuld.“

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