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zum 9. November
Ein deutsches Schicksalsdatum

Jürgen Kanold
Jürgen Kanold © Foto: SWP
Meinung
Jürgen Kanold / 08.11.2018, 20:45 Uhr
Ulm (MOZ) Es war ein 9. November, als der SPD-Politiker Phi­lipp Scheidemann vor 100 Jahren von einem Fenster des Reichstags aus die „Deutsche Republik“ ausrief – und Stunden später der Marxist Karl Liebknecht vor dem Berliner Schloss eine „freie sozialistische Republik“. Zwei Tage später endete der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts. Es war ein ersehnter Frieden, der freilich neues Unheil in sich barg. Es war ein 9. November, 1923, als der noch weitgehend unbekannte Adolf Hitler in München putschend zur Feldherrnhalle zog: nicht zuletzt gegen den „Schmähfrieden“ von Versailles. Es war am 9. November 1938, vor 80 Jahren, als die Nazis in einer Pogromnacht zum Sturm auf Synagogen und jüdische Mitbürger aufriefen: das Fanal des Holocaust. Es war dann aber auch ein 9. November, als 1989 die Berliner Mauer fiel, die SED-Diktatur im Osten zusammenbrach und sich Deutschland im Jahr darauf wundersam wiedervereinigen durfte, was kaum einer mehr erhofft hatte.

Deutsche Schicksalstage. Schuld, Sühne und auch Hoffnung, Freiheit und Glück. Alles hängt miteinander zusammen. Ist aber ziemlich kompliziert. Nur Propagandisten wie AfD-Chef Alexander Gauland reduzieren etwa die Zeit des Nationalsozialismus und das Leid, das sie mit sich brachte, auf einen „Vogelschiss“. Umgekehrt sind manche Politiker viel zu schnell dabei, unsere solide gewachsene Bonn-Berliner Republik mit Weimar zu vergleichen.

Geschichte wiederholt sich nicht einfach, lässt sich aber für alle Bedürfnisse und Ideologien ausschlachten und relativieren. Aber man kann aus der Geschichte lernen, um ein Bewusstsein für die Gefahren der Gegenwart zu entwickeln. Wer verdrängt, wer leichtfertig vergisst, wer sich nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzt, öffnet nicht zuletzt den Demagogen, den Nationalisten und Neonazis die Türen. Was tun? Ein umfassender, vorurteilsloser Geschichtsunterricht in der Schule. Mit Zeitzeugen reden, Gedenkstätten besuchen, lesen, debattieren. Es hilft. Wer mehr weiß, ist im Vorteil, ist kein Mitläufer. Der wird es auch wertschätzen, dass es den Deutschen heute, 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, noch nie besser ging. Und dass man sich an Demokratie nie sorglos gewöhnen sollte, sondern sie immer neu erarbeiten und dann auch verteidigen muss.

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