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Scheiden tut zwar immer noch weh – aber der Trend geht in Richtung friedliche Trennung

Scheidung
Rosenkrieg adé

Teure Scheidung: Amazon-Chef Jeff Bezos und seine Noch-Ehefrau MacKenzie Bezos
Teure Scheidung: Amazon-Chef Jeff Bezos und seine Noch-Ehefrau MacKenzie Bezos © Foto: dpa/Jörg Carstensen
Michael Gabel / 05.02.2019, 07:30 Uhr
Berlin (MOZ) Eine friedliche Scheidung, geht das? Amazon-Gründer Jeff Bezos und seine Ehefrau MacKenzie scheinen es vorzumachen. Ihre Trennung verläuft weitgehend geräuschlos – so, wie das immer mehr ehemüde Paare ebenfalls anstreben.

Ja, sie wollen Freunde bleiben. Jeff Bezos und seine Frau MacKenzie betonen das in ihrem gemeinsam verfassten Tweet und versichern, dass auch die bevorstehende Scheidung nichts daran ändert, dass sie „unglaublich glücklich sind, sich gefunden zu haben“. Das hört sich harmonisch an und, wer weiß, vielleicht stimmt es sogar. Wobei die näheren Umstände der Trennung heikel sind: Das Paar lebte ein Vierteljahrhundert zusammen, hat vier gemeinsame Kinder, und es geht um eine Menge Geld – das gemeinsame Vermögen beläuft sich auf 137 Milliarden Dollar (120 Milliarden Euro).

Das gemeinsame? In Statistiken werden die Milliarden bisher immer dem Gatten allein zugeschlagen, wie zum Beispiel in der Forbes-Liste, die Jeff Bezos als reichsten Menschen der Welt führt. Zwar hat das Ehepaar eine Entscheidung darüber, wie die Besitztümer aufgeteilt werden sollen, noch nicht bekanntgegeben. Aber gut für sie, schlecht für ihn: Die Familie lebt im US-Bundesstaat Washington, und dort wird das nach der Eheschließung entstandene Vermögen am Ende in der Regel durch zwei geteilt. Damit hätte MacKenzie Bezos Anspruch auf 67,5 Milliarden Dollar – es wäre die teuerste Scheidung der Welt.

Auch wenn beim Ende einer Ehe in den seltensten Fällen Milliarden zu verteilen sind – die geräuschlose Art, mit der das US-Paar vorgeht, könnte für andere scheidungswillige Paare ein Vorbild sein. Dass Rosenkriege nur Schaden anrichten, scheint vielen in den USA, aber auch in anderen Ländern immer klarer zu werden. Scheidungsdramen ruinieren die Nerven, die Finanzen und vor allem belasten sie – falls vorhanden – die Kinder. Auch in Deutschland nimmt die Tendenz zu, Streitereien um die Scheidung zu vermeiden. So ist laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen Jahren die Quote derer gestiegen, die bei den Familiengerichten einen gemeinsamen Scheidungsantrag einreichen. Leicht zwar nur. Aber immerhin.

Rudolf Haibach aus Gießen ist noch ein Scheidungsanwalt alter Schule. Bei den Gegenparteien ist er gefürchtet, und er rühmt sich, für seine prominenten Mandanten – darunter Lily Becker, die Noch-Gattin von Boris Becker – stets das Optimum herausgeholt zu haben. Zur Not vor Gericht. Aber auch er sagt: „Ich bin ein großer Verfechter der außergerichtlichen Einigung. Sie ist billiger, besser und risikofrei.“ Familienrechtlerin Hildegund Sündenhauf verzeichnet bei scheidungswilligen Paaren einen Trend zur Mediation, also zum Interessenausgleich mithilfe eines geschulten Vermittlers. „In Deutschland ist die Methode allerdings noch recht wenig verbreitet, weil Paare dafür extra bezahlen müssen“, sagt die Professorin an der Evangelischen Hochschule Nürnberg dieser Zeitung.

Sie verweist auf gute Erfahrungen in Australien, wo jedem kindschaftsrechtlichen Verfahren – also einem Streit um elterliches Sorge- oder Umgangsrecht – seit einer Familienrechtsreform 2006 eine Mediation vorgeschaltet ist. Folge: Die Zahl der Gerichtsverfahren liegt dort um ein Drittel niedriger, als vor der Reform. „Das senkt die Kosten deutlich“, betont die Professorin. Außerdem würden Eltern Entscheidungen in Mediationsverfahren viel besser mittragen, weil sie nicht von oben verfügt sind. In Australien einige man sich bei der Kinderbetreuung bei einer Mediation auch oft auf das Wechselmodell, also die abwechselnde und gleichberechtigte Betreuung des Kindes durch Mutter und Vater an zwei Wohnsitzen.

Aber wie lässt sich erreichen, dass es auch in Deutschland künftig mehr friedliche Scheidungen gibt? Der Bundesverband Mediation empfiehlt, dass der Staat die Suche nach einer außergerichtlichen Einigung besser unterstützt. „Wir setzen uns dafür ein, dass scheidungswillige Paare verpflichtend zumindest an einem Beratungsgespräch teilnehmen müssen, in dem sie über die Möglichkeiten einer kostengünstigen und nachhaltigen Einigung durch eine Mediation informiert werden“, betont Sprecherin Alexandra Bielecke. Ebenso empfiehlt sie eine Mediationskostenhilfe für Bedürftige, analog zur bereits jetzt existierenden Prozess- und Verfahrenskostenhilfe. Einen allgemeinen Zwang zur Mediation in Familienrechtsangelegenheiten lehnt Bielecke dagegen ab. „Sie soll freiwillig sein“, sagt sie. Sonst verliere sie ihre Wirkung.

In der Großen Koalition lobt man zwar die Vorzüge außergerichtlicher Verfahren. Eine Beratungspflicht oder Kostenübernahmen planen allerdings weder Union noch SPD. Gesetzliche Vorgaben „entsprechen nicht dem Grundverständnis der Mediation“, sagt der Familienrechtsexperte der Unionfraktion im Bundestag, Axel Müller (CDU). Die Verfahren vor den Gerichten dauerten „mit Blick auf die durchschnittliche Ehezeit von deutlich über zehn Jahren auch nicht übermäßig lange“. Demgegenüber verweist FDP-Fraktionsvize Stephan Thomae darauf, dass Mediation sehr wohl „viel Zeit und Geld sparen“ könne. Aber auch er setzt auf Freiwilligkeit und sieht „allenfalls die Verpflichtung, vermehrt auf die Möglichkeit der Mediation hinzuweisen“.

Deutlich kritischer beurteilt die rechtspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion Katja Keul die Möglichkeiten einer vermittelnden Instanz. Zwar empfiehlt auch sie, „die Chancen der Mediation weiter als bisher zu verbreiten“. Aber sie sagt auch: „Der Anwaltszwang im Scheidungsverfahren muss unbedingt beibehalten werden.“ Denn für Mann und Frau sei es „wichtig, über die Rechtslage informiert zu sein“. Und das gehe nun mal nicht ohne anwaltliche Beratung.

Droht also doch wieder eine Verschärfung der Konflikte rund um die Scheidung, wenn manche die Rolle der Anwälte so stark betonen? Professorin Sünderhauf sieht das nicht so. Sie verweist darauf, dass sich die Rechtslage seit der Reform des Betreuungsunterhalts im Jahr 2008 grundlegend geändert habe und dadurch viel Streitpotenzial entfallen sei. „Früher wurde zum Teil jahrelang über den Betreuungsunterhalt für den Ex-Partner gestritten. Seit der Gesetzesänderung ist das aber zur seltenen Ausnahme geworden“, sagt sie. Unterhalt müsse seither im Regelfall nämlich nur noch für die Kinder gezahlt werden. „Damit hat man berücksichtigt, dass Frauen heute viel selbstverständlicher berufstätig sind, als das zumindest in der Bundesrepublik früher der Fall war“, erklärt die Professorin. Wie die Unterhaltsregelungen in der Familie Bezos aussehen, wird der Öffentlichkeit wohl verborgen  bleiben. Aber Jeff Bezos vermittelt den Eindruck, als scheine ihn das Thema nicht weiter zu belasten. „Wir freuen uns auf eine wundervolle Zukunft“, schreibt er zusammen mit seiner Ex-Partnerin in der Trennungsnachricht. Also alles easy bei ihm – trotz der verlorenen Milliarden.

DDR-Scheidungen

■ In der DDR war es viel leichter, sich scheiden zu lassen als im Westen. Es gab keine Trennungsfristen. Und wer nicht das Sorgerecht für die Kinder bekam, war nur für den Nachwuchs unterhaltspflichtig, nicht aber für den Ex-Partner.

■ Doch diese Regelung wird auch kritisiert. Da auch in der DDR viele Frauen der Kinder wegen zeitweise verkürzt oder gar nicht gearbeitet haben, sind 300 000 ostdeutsche Frauen, die vor 1992 geschieden wurden, von Altersarmut bedroht. Ein Rentenausgleich vom geschiedenen Partner ist für sie nicht vorgesehen. Der Koalitionsvertrag von Union und SPD hat nun für die Betroffenen einen Härtefallfonds in Aussicht gestellt. ⇥(abo)

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