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Interview
Gregor Gysi: "Das Blatt hatte sich gewendet"

Immer auch Anwalt: Linkspolitiker Gregor Gysi (71)
Immer auch Anwalt: Linkspolitiker Gregor Gysi (71) © Foto: dpa
Nina Jeglinski und André Bochow / 08.11.2019, 20:43 Uhr - Aktualisiert 08.11.2019, 22:08
Berlin (NBR) "Das Blatt hatte sich gewendet"

Zu den prägenden politischen Figuren Deutschlands nach dem Mauerfall wurde Gregor Gysi. Seiner bis heute anhaltenden Popularität konnten auch Stasi-Vorwürfe nichts anhaben. Mit dem Rechtsanwalt, Moderator und Bundestagsabgeordneten der Linken sprachen Nina Jeglinski und André Bochow.

Herr Gysi, Sie haben am 9. Oktober auf Einladung der Leipziger Philharmonie eine Rede über den Wendeherbst 1989 gehalten und in dieser Rede Verständnis für protestierende Bürgerrechtler gezeigt, die Sie als Redner nicht haben wollten. Was genau haben Sie denn verstanden?

Dass die Kritiker selbst sprechen wollten. Und dieser Wunsch ist legitim. Auf der anderen Seite verstehe ich nicht, weshalb man mich vom Rednerpult verbannen wollte. Die Demonstrierenden, die am 9. Oktober 1989 in Leipzig für Meinungs-und Redefreiheit eintraten, haben ja wohl nicht gemeint, dass an bestimmten Tagen bestimmte Personen von der freien Rede ausgeschlossen werden sollen.

Vielleicht hängt das mit der Partei zusammen, in der Sie sind.

Aber gerade was das Jahr 1989 betrifft, muss ich mir nun wirklich keine Vorwürfe machen lassen. Ich stand als Anwalt an der Seite der Bürgerrechtler. Jedenfalls so lange sie in Schwierigkeiten waren. Also bis zum Mauerfall.

Sie haben davor im Auftrag von Rainer Eppelmann Strafanzeige wegen der Wahlfälschung bei der Kommunalwahl im Mai 1989 gestellt, Sie haben das Neue Forum vertreten, auch zahlreiche Dissidenten – aber gerade wegen des Neuen Forums wurde es heikel.

Das war ja nach einer Entscheidung des Innenministers verboten. Es gab das Rechtsmittel der Beschwerde. Dass ich dann wirklich Beschwerde eingelegt habe, fand man in der Abteilung Staat und Recht des SED-Zentralkomitees gar nicht lustig. Auch nicht, dass ich auf Bitten der Schauspielerinnen Johanna Schall und Walfriede Schmitt im Deutschen Theater zu Polizeiübergriffen in Berlin Stellung genommen habe.

Würden Sie sich im Nachhinein als Bürgerrechtler bezeichnen?

Nein. Ich war Anwalt der Bürgerrechtler und habe konsequent und korrekt ihre Interessen vertreten. Aber ich war gleichzeitig Mitglied der SED und wollte die DDR nicht aufgeben. Reformieren wollte ich sie schon.

Haben Sie sich eigentlich gefreut, als Sie erfuhren, dass die Mauer gefallen ist?

Zunächst einmal habe ich den Mauerfall verschlafen. Um 2.00 Uhr rief mich meine Lebensgefährtin an und fragte, ob ich nicht mit ihr nach Westberlin spazieren wolle. Ich hielt das für einen Scherz. Dann habe ich den Fernseher angestellt und wusste Bescheid.

Und? Sind sie mitgegangen?

Bin ich nicht. Aus mehreren Gründen. Ich habe zu ihr gesagt, das sei der Anfang vom Ende der DDR. Das musste ich erst einmal verdauen. Meine Lebensgefährtin sah das anders. Außerdem war ich im Januar 1988 erstmals im Westen. In Paris. Da war der Druck nicht so groß. Und ich hatte am nächsten Tag eine Verhandlung in einer Mordsache. Und ich kenne doch die deutsche Justiz, die stellt doch nicht wegen eines Weltereignisses die Arbeit ein. Genau so war es dann auch. Pünktlich um 8.00 Uhr ging es los. Alle Prozessbeteiligten waren da.

Was war mit der Freude am Mauerfall?

Ich habe die Freude in den Gesicherten der Menschen gesehen. Diese Erleichterung! Ein Traum ging endlich in Erfüllung. Das hat mich wiederum sehr für die Leute gefreut.

Wissen Sie eigentlich etwas über die Umstände, die zum Mauerfall führten?

Auf jeden Fall war das so nicht geplant. Es gab den juristischen Begriff der "ständigen Ausreise aus der DDR". Das betrafMenschen, die der DDR für immer den Rücken zudrehen wollten. Die sollten nicht mehr über Ungarn oder die Botschaften in den Westen, sondern direkt über die deutsch-deutsche Grenze. Als das beschlossen wurde, war Günter Schabowski nicht dabei. Er bekam vor der Pressekonferenz den berühmten Zettel gereicht und hat "ständige Ausreise" als Ausreise für jedermann zu jeder Zeit verstanden. (lacht) Weil kein Datum draufstand, sagte er "ab sofort". Am Vormittag danach gab es ein Protestschreiben des sowjetischen Botschafters und am Nachmittag einen Glückwunschbrief von Gorbatschow.

Wie groß war eigentlich die Angst vor Gewalt in diesen Tagen?

Die war schon da. Es gab kaum Furcht, dass wie 1953 sowjetische Panzer rollen würden. Am 8. Oktober, offenbar unter dem Eindruck der Gewalt durch die Sicherheitsorgane in Berlin, ordnete wohl Egon Krenz an, die politischen Auseinandersetzungen gewaltlos zu führen. Und daran hielten sich dann die Organe. Allerdings konnte niemand die Hand dafür ins Feuer legen, dass nicht irgendwo Einzelne die Beherrschung verloren.

Der Staat war hochgerüstet und die Stasi hatte sich schließlich jahrzehntelang auf diesen Tag X vorbereitet. Als es so weit war, sind die Stasi-Leute nach Hause gegangen. Wie kam das?

Das war eben ein Geheimdienst auf ideologischer Basis. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter glaubten in der Regel tatsächlich etwas Gutes für die Mehrheitsbevölkerung zu tun. So geht ein CIA-Mitarbeiter nicht an seinen Job heran. Ich behaupte, wenn heute ein US-Präsident die CIA auflösen wollte, würde er an deren Widerstand scheitern. Aber die Leute von der Staatssicherheit haben gemerkt, dass das Volk sie nicht wollte und damit fanden sie sich ihrer Grundlage entzogen und fuhren nach Hause, ohne zu schießen.

Der Historiker Ilka-Sascha Kowalczuk weist immer wieder darauf hin, dass der Mauerfall das Werk einer Minderheit war – wie die friedliche Revolution selbst und wie wahrscheinlich alle Revolutionen. Sehen Sie das auch so?

Das kann schon sein. Zunächst war es auch in der DDR eine Minderheit. Eine sehr mutige übrigens. Aber in kurzer Zeit wurden es immer mehr Menschen, die ihre Forderungen auf die Straße trugen. Am 4. November auf dem Alexanderplatz waren schließlich sogar viele SED-Mitglieder dabei. Mit der Gewaltlosigkeit wuchs der Mut. Die Minderheit war dann schon sehr groß und vertrat die Interessen fast aller.

Ab dem Herbst 1989 waren Sie auch in Westdeutschland bekannt. Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt, in die SPD oder in eine andere westdeutsche Partei einzutreten?

Nein. Ich glaube, dagegen sprach auch mein Anwaltsinstinkt. Das Blatt hatte sich gewendet, jetzt brauchten mich das Neue Forum und die Bürgerrechtler nicht mehr, sondern meine eigene Partei. Es musste unter anderem geklärt werden, was mit den mehr als 100000 Mitarbeitern werden sollte. Schon deswegen kam eine Parteiauflösung nicht in Frage. Wir haben die Geldreserve der SED an den Ministerrat überwiesen, was vielfältige Spenden zur Folge hatte…

…gut, aber als der Anwalt alles erledigt hatte, so etwa Mitte der 90er-Jahre, hätte man die Partei dann doch auflösen und Sie hätten sich einer anderen Partei anschließen können.

Ja. Aber dann wollten es die Mitglieder nicht. Ich auch nicht. Außerdem war die PDS nach der Einheit zur Vertreterin der ostdeutschen Interessen geworden. Wenn es etwa um die Kritik am Prinzip Rückgabe vor Entschädigung ging. Oder um die Ungleichbehandlung der ostdeutschen Eliten. Für mich hat das auch wieder etwas mit der Rolle eines Anwalts, dann der Ostdeutschen zu tun.

Noch einmal zu den Finanzen. Auch nach 30 Jahren fragen immer noch manche nach den verschwundenen SED-Milliarden. Um das endgültig zu klären: Wo sind sie denn?

Die habe ich, wer sonst. Damit tapeziere ich zu Hause meine Wände. Quatsch beiseite. Das ist alles Blödsinn. Die Geldreserve hatten wir überwiesen. Das gesamte Auslandsvermögen haben wir an die Bundesrepublik abgetreten. Darum hat sich dann die Treuhand gekümmert. Der Rest wurde eingezogen. Übrig blieben nur vier Immobilien und die neuen Beiträge sowie die Rentenreserve. Es gab nur einen Versuch, Geld zu retten. Immerhin 100 Millionen. Das wurde schließlich strafrechtlich verfolgt, endete aber mit Freisprüchen.

Sie haben im Zusammenhang mit dem Vereinigungsprozess immer wieder den Vorwurf erhoben, dass der westdeutsche Staat nicht einen Jota vom ostdeutschen übernommen hat – Was hätte er denn übernehmen sollen?

Die höhere Gleichstellung der Geschlechter. Ein flächendeckendes Netz an Kindergärten, Nachmittagsbetreuung in den Schulen, Ferienspiele, Ferienlager, Polikliniken, ein zentrales Krebsregister, Berufsausbildung mit Abitur, teilweise das Bildungssystem. Da, wo die DDR besser war, hätte man die Elemente übernehmen können und sollen.

Aus praktischen und psychologischen Gründen?

Genau. Neben dem direkten Nutzen, hätte es dem Selbstbewusstsein der Ostdeutschen gutgetan. Und genauso wichtig: Die Westdeutschen hätten erlebt, dass sich durch die Vereinigung auch ihr Dasein verbessert hätte. So blieb der Eindruck: Die Ossis kassieren das Westgeld, nörgeln und wählen komisch. Das kommt davon, wenn man den Westdeutschen die genannten Vereinigungserlebnisse nicht gönnt.

Wenn man einmal die fehlenden Führungspositionen, die ungleichen Löhne und Renten und einen gewissen Mangel an Respekt gegenüber ehemaligen DDR-Bürgern außen vor lässt – überwiegen da nicht eindeutig die Vorteile der Vereinigung?Demokratie und Rechtstaatlichkeit zum Beispiel?

Sicher. Aber die Demokratie hatten sich die Ostdeutschen selbst erkämpft und die Vereinigungserfahrungen waren teilweise wirklich traumatisch. Die Massenarbeitslosigkeit. Das steckt den Leuten doch noch immer in den Knochen. Und warum bekommt eine ostdeutsche Lehrerin auch 30 Jahre nach dem Mauerfall weniger Gehalt als ihre westdeutsche Kollegin? Obwohl sie gut unterrichtet. Das ist demütigend und völlig unnötig.

Wird man in 30 Jahren noch von Ossis und Wessis sprechen?

Ich habe mich da schon einmal schwer getäuscht. Ich hatte ursprünglich angenommen, dass sich das Ost-West-Thema mit meiner Generation erledigte. Ein Irrtum.Es wird auch in 30 Jahren noch Unterschiede geben. Nicht nur Mentalitätsunterschiede. Nicht zuletzt die Verteilung von Eigentum wird dann immer noch ungleichgewichtig sein.

Vielen Dank für das Gespräch

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