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Joachim Gauck im MOZ-Interview: „Bin kein Nicht-Politiker“

Christina Wendt / Dieter Keller / 28.06.2010, 15:01 Uhr - Aktualisiert 29.06.2010, 19:07
Berlin (In House) Am kommenden Mittwoch wählt die Bundesversammlung den neuen Bundespräsidenten. Joachim Gauck geht als Kandidat von SPD und Bündnis 90/Die Grünen ins Rennen, hat aber rechnerisch nur eine geringe Chance. Doch im Land erfreut er sich großer Beliebtheit. 
Christina Wendt und Dieter Keller sprachen mit ihm.

Märkische Oderzeitung: Herr Gauck, was ist die wichtigste Aufgabe des Bundespräsidenten und wie politisch verstehen Sie das Amt?

Joachim Gauck: Das Amt ist sogar sehr politisch, aber es geht noch über die Dimension des Politischen hinaus. Da es für viele Bürgerinnen und Bürger ein Symbol des Ganzen ist, kann der Bundespräsident als Person die Identifikation der Bürger mit ihrem Gemeinwesen befördern, vielleicht noch mehr als Regierungsinstitutionen. Man könnte auch sagen: Der Bundespräsident ist der ständige Vertreter der Demokratie bei den Bürgern. Er ist qua Grundgesetz der Vertreter im Ausland und der Bürger im Land. Im Bewusstsein ist der Bürger ist er aber mehr, als der Text des Grundgesetzes hergibt. Das Symbolische wächst der Institution zu und wird durch persönliche Qualitäten noch befördert.

Welche Personen fallen Ihnen da ein?

Ich möchte da keine Präferenz ausdrücken.

Gilt die große Zustimmung zu Ihnen Ihrer Person oder Ihrer Person als Nicht-Politiker?

Ich bin nun wirklich kein Nicht-Politiker. Ich habe immer als politischer Mensch gelebt und bin auf Vieles stolz, woran ich beteiligt war. Die Zustimmung, die ich gerade erlebe, gilt zu einem eher geringeren Teil meiner Person, denn ich habe zeitig gemerkt, dass sich Erwartungen an mich heften, die weit über das hinausgehen, was die Leute als Personalfrage jetzt beschäftigt. Ich habe viele Unterstützer im Internet, bei Facebook. Einer der Organisatoren sagte mir neulich, dass die Währung des Netzes Authentizität sei. Wenn sich Menschen nach Authentizität sehnen, enthält das eine Botschaft. Sie wollen Glaubwürdigkeit der Personen und Institutionen. Sie wollen Vertrauen. Das bedeutet, sie wollen eine Heimat haben, in der sie sich mit der Demokratie identifzieren können. All das kann einer allein gar nicht allein schultern. Deshalb bleibt all das erhalten, wenn die Personalfrage längst entschieden ist.

Ihre Gegenkandidaten sitzen am 30. Juni in der Bundesversammlung. Bedauern Sie es, dass Sie nicht dabei sein können?

Ich wollte mich bewusst nicht als Wahlmann nominieren lassen. Ich möchte doch nicht für mich selber stimmen müssen.

Jeder vierte Ostdeutsche verklärt nach einer Studie die DDR. Warum ist das so?

Ich konnte das erst verstehen, als ich lernte, was das gelebte Leben dem einzelnen Menschen bedeutet bei der Bewertung der Vergangenheit des Landes. Ich hatte zunächst das Persönliche unterschätzt und die Dinge ausschließlich vom Politischen her gedeutet. Ich konnte viele meiner Landsleute nicht recht verstehen. Erst gehen sie alle auf die Straße, um die Diktatur zu beseitigen und dann dieser nostalgische Rückblick. Ich kannte das schon als Jugendlicher von einer anderen Diktatur. Damals haben die Alten gesagt: Es war doch nicht alles schlecht. Dabei hatte doch nun wirklich jeder gesehen, was es war. Letztlich musste ich dazulernen: Ich habe sehr lange gedacht, dass jeder, der die Vergangenheit nostalgisch anschaut, ideologisch noch im Gestern ist. Das muss aber gar nicht sein.

Die Linke hat sie heftig kritisiert. Am Dienstag stellen Sie sich in der Bundestagsfraktion vor. Was erwarten Sie von dem Gespräch?

Mein Politikverständnis ist emanzipatorisch und partizipatorisch, dazu werde ich auch gegenüber der Linkspartei stehen. Ich freue mich über jeden, der an der Frage der politischen Aufklärung interessiert ist. Und dann wird man sehen, ob ausgerechnet die, die als Vertreter eines sogenannten demokratischen Zentralismus, die in Wirklichkeit die Diktatur geliebt haben, die Stirn haben, noch mal einem Vertreter der politischen Aufklärung und der friedlichen Revolution das Etikett „von gestern“ aufzukleben.

Oskar Lafontaine hat Ihnen vorgeworfen, in der DDR Privilegien gehabt zu haben. Wie bewerten Sie das?

Es ist immer merkwürdig, wenn die langjährigen Teilhaber einer sehr gut situierten und freiheitlichen Gesellschaft so genau wissen, wie der Osten war.

Sie haben darauf hingewiesen, dass der Kommunismus als ebenso totalitär eingestuft werden muss, wie der Nationalsozialismus. Ist der Nationalsozialismus in seiner Grausamkeit nicht unvergleichbar?

Natürlich sind die NS-Verbrechen unvergleichlich und natürlich stelle ich die beiden Diktaturen nicht auf eine Stufe. Wie kommen Sie denn auf solch eine Frage! Die, die das über mich behaupten, wehren sich in Wahrheit dagegen, dass man das System des Herrschaftskommunismus überhaupt als Diktatur oder als totalitär bezeichnet. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen totalitärer Herrschaft. Die Zeit, in der Stalin herrschte, war ganz offensichtlich totalitär. Inwieweit sich totalitäre Strukturen in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft gehalten haben, modifiziert wurden oder die Form einer Diktatur mit Ärmelschonern angenommen haben, das mag dahingestellt sein. Diktaturen bleiben aber immer menschenverachtende Systeme, egal, ob sie sich autoritär oder totalitär darstellen.

West- und Ostdeutsche fremdeln auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch miteinander. Wie erklären Sie sich das? Können Sie als Bundespräsident darauf Einfluss nehmen?

Das würde ich gern. Ich glaube, wir leben in Ostdeutschland noch immer in einer Transformationsgesellschaft, so wie andere osteuropäische Reformstaaten auch. Mir fällt die starke Trennung der Bevölkerung auf. Die Trennung zwischen Ossi und Ossi erscheint mir noch deutlicher als die zwischen Ossi und Wessi. Ich glaube, je mehr Erfahrungen wir im Osten beim Ausleben von Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung sammeln, desto eher werden die Unterschiede abnehmen. Dazu will ich gern meinen Beitrag leisten.

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