Wenn Festivalleiter Dieter Kosslick ein Mikrofon in die Hand bekommt, dann ist ein Superlativ meist nicht weit: der vom "größten Publikumsfestival der Welt". Und es stimmt ja auch. Hunderttausende strömen Jahr für Jahr im nasskalten Berliner Winter in die Kinos. Sie lassen sich von Filmen überraschen, die oft noch nirgends zu sehen waren, und sind offen für Gespräche mit Filmemachern, von denen manchmal noch nirgends zu hören war. Allerdings: In diesem Jahr könnten es ein paar Zuschauer weniger sein. Die Berlinale ist geschrumpft - wenn auch nur ein kleines bisschen. Zugleich glitzert das Festival auch weniger als im Vorjahr. Das liegt in der Natur der Sache: Wer sollte den Superstars Meryl Streep und George Clooney auch das Wasser reichen?
Droht also eine Graubrot-Berlinale, eine Ausgabe, an die sich schon bald kaum noch jemand erinnert? Angesichts der politischen Lage in Europa und in aller Welt ist das nicht zu befürchten. Denn wenn Kosslick das Mikrofon schon einmal ein der Hand hält, schiebt er oft und gern noch einen zweiten Superlativ hinterher: den vom "politischsten unter den A-Festivals". Genau in diesem Punkt könnten die 67. Internationalen Filmfestspiele so richtig stark werden. Ausgerechnet ein Blick zu den Oscars, die Ende Februar vergeben werden, zeigt das. Gleich zwei Berlinale-Filme kommen dort als beste Dokumentation in Frage. "Fire At Sea", der 2016 den Goldenen Bären gewonnen hat, und "I Am Not Your Negro", der in diesem Jahr in Berlin zu sehen ist. Beide Filme sind von hoher künstlerischer Qualität und zugleich sehr politisch.
Diesen Spagat übt die Berlinale schon seit Jahrzehnten. In kaum einem Jahr nach 1989 ist er allerdings so relevant gewesen. Folgerichtig zieht er sich durch alle Sektionen. Im Wettbewerb etwa ist Agnieszka Hollands "Spoor" zu sehen, der sich mit der Situation älterer Frauen im zeitgenössischen Polen beschäftigt. Das Panorama legt unter anderem die Lage in Europa unters Brennglas und zeigt Filme über die Situation in Spanien und die griechische Finanzkrise. Selbst die Retrospektive entkommt diesem Themenkreis nicht und zeigt ältere Science-Fiction-Filme, die sich um gesellschaftliche Fragen drehen und darum, wie wir dem Fremden begegnen. Diese Filme haben - teilweise schon vor Jahrzehnten - gezeigt, dass die Verquickung von Kunst und politischen Themen unbedingt sehenswert sein kann. Die Stärke der 67. Berlinale ist es nun, diese Verquickung fortzuschreiben.