Michail Gorbatschow wird von vielen Deutschen bis heute für seinen Anteil an der Wiedervereinigung 1989/90 verehrt. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", dieser legendäre Satz, den er - wenn auch im russischen Original etwas anders - bei seinem DDR-Besuch im Oktober 1989 sagte, wurde zum Schlüsselwort für die Veränderungen. Unter keinem seiner Vorgänger im Kreml wären wohl die hierzulande zu Tausenden stationierten sowjetischen Panzer in den Kasernen geblieben, als die Ostdeutschen friedlich auf der Straße demonstrierten.
Gerade wegen dieser Autorität, die Gorbatschow besitzt, macht es so nachdenklich, wenn er ein Vierteljahrhundert später vor dem Ausbruch eines neuen kalten Krieges warnt und dem Westen vorhält, das damalige russische Vertrauen in die friedliche Zukunft Europas missbraucht zu haben. Der 83-jährige Friedensnobelpreisträger bringt damit aber nicht nur ein Gefühl vieler seiner Landsleute zum Ausdruck. Zumindest seine Warnung vor dem kalten Krieg ist in ähnlicher Weise derzeit auch von Helmut Kohl, dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger und von Hans-Dietrich Genscher zu hören. Alle diese Politiker, die auf unterschiedliche Weise dazu beigetragen haben, 1989 den kalten Krieg zu beenden, warnen vor den großen Gefahren, die aus einer weiteren Verschlechterung der Beziehungen zu Russland erwachsen würden.
Das Problem ist freilich, dass es der Westen heute nicht mit einem Politiker vom Schlage Gorbatschows im Kreml zu tun hat, sondern mit Wladimir Putin. Dieser versucht die strategischen Probleme seines Landes durch die Verletzung der Souveränität anderer Staaten und taktisches Säbelgerassel zu übertünchen.
Wenn ausgerechnet Gorbatschow jetzt den gleichen Putin in Schutz nimmt, den er in früheren Jahren wegen der Einschränkung der Pressefreiheit und anderer demokratischer Regeln scharf kritisiert hat, dann geschieht dies wohl vor allem in der Hoffnung, dass es der Westen noch einmal auf andere Weise als nur mit Sanktionen gegen Russland versucht. Dies ist zweifellos kein einfaches Unterfangen. Allerdings haben Leute wie Kissinger und Gorbatschow ihre Erfahrungen in Zeiten gemacht, als die Ost-West-Konfrontation noch viel schärfer war als in der Gegenwart.