Der Gedanke ist ja nicht verkehrt. Die Welt ist unübersichtlicher geworden, Demagogen erhalten Zulauf, Demokraten reagieren oft ratlos. Diesen Rat in der Kunst zu suchen, kann ein Weg sein - und die Berlinale ein guter Ort dafür. Schließlich war sie 1951 auf Initiative der US-Militärregierung mit dem Auftrag gegründet worden, das Fenster zur freien Welt zu sein. Das Festival hat sich diesen Auftrag zum Selbstverständnis gemacht. Auch am Sonnabend war das zu sehen, als Kosslick und das Festival sich bei der Preisverleihung mit dem Journalisten Deniz Yücel solidarisierten, der in der Türkei in Polizeigewahrsam sitzt. Allein: Der Wettbewerb hat diesen politischen Anspruch in diesem Jahr nicht eingelöst.
So müsste man sich sehr verbiegen, um in der Liebesgeschichte "On Body and Soul", die den Goldenen Bären gewonnen hat, eine politische Aussage zu sehen. Andere Filme zogen sich völlig ins Private zurück - wie "Wilde Maus" - oder verhandelten akademische Probleme in einer Welt, die mit den meisten Zuschauern nicht viel gemein hat - wie die eigentlich tolle Konversationskomödie "The Party". Und wenn ein Film sich das Politische explizit auf die Fahnen schrieb - wie "Colo" über die Wirtschaftskrise in Portugal -, dann fiel das Erzählerische hinten runter. Die Hochzeit zwischen ästhetischem und gesellschaftlichem Anspruch wollte nicht so recht gelingen.
Wenn überhaupt eine überzeugende Botschaft von der 67. Berlinale ausgeht, dann ist das die auffällige Präsenz starker Frauen. Das zeigte sich an der doch recht großen Anzahl an Regisseurinnen, an den vielen Heldinnen in den Filmen und schließlich auch an der Aufteilung der Bären. In diesem Punkt - und nur in diesem - ist es der Berlinale gelungen, ein starkes Zeichen zu setzen, eines, das nachhallen könnte. Den so geehrten Frauen wäre allerdings zu wünschen gewesen, dass dies in einem Jahr geschieht, in dem auch der Wettbewerb selbst in guter Erinnerung bleibt.