Das neue Leben mit dem Coronavirus verlangt Weichenstellungen. Nicht nur wirtschaftliche Fragen müssen diskutiert werden, sondern in hohem Maße auch ethische. Wie sollen internationale Beziehungen gestaltet werden, wo gerade die Schwächen der Globalisierung zutage getreten sind? Wie kann der Aufbau der Wirtschaften gelingen, ohne die Armen der Welt an den Rand zu drängen? Und was bedeutet die Krise für unser eigenes Land und unser weiteres Leben?
Vieles hat sich in den Wochen größter Sorge verschoben: Freiheitsrechte wurden eingeschränkt, Bürgern eine strenge Kontaktdiät verordnet. Mit der Erosion der Einschränkungen brechen nun neue Kämpfe auf:  Schlüsselindustrien gegen ein Meer von kleinen Selbstständigen, gesundheitlich Widerstandsfähige gegen Verletzliche, Laute gegen Leise. Es geht um Geld, Aufmerksamkeit und Freiheiten – und immer wieder um die Frage: Wie wir unser Leben gestalten wollen, wenn der Gesundheitskrise die Wirtschaftskrise folgt.
Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat eine notwendige Debatte angestoßen: Kann dem Schutz des Lebens alles unterworfen werden? Wo bleibt die Würde des Menschen, wenn er in die Isolation und einen einsamen Tod getrieben wird?
Die Kirchen halten sich da erschreckend bedeckt, ganz so als hätten sie in der Krise Stimme und Botschaft verloren. Sind ihnen die Vorstellungen von einem "Leben in Fülle" abhandengekommen, worüber sie stets gepredigt haben?  Was wollten sie sagen, wenn sie erklärten, der Mensch lebe nicht vom Brot allein? Und wo bleibt ihr Aufschrei, wenn Konzerne Milliarden Steuermittel abgreifen wollen, ohne auf Dividenden und Boni zu verzichten, während Millionen Existenzen mit Staatsgeld nicht gesichert werden können?
Die Kirchen müssen ihr Homeoffice verlassen und zu einer lauten Stimme werden. Auch müssen sie tätig werden. Warum setzen sie nicht einen Teil ihres Vermögens ein für die Verlierer der Krise? Mit ihrer Passivität verraten die Kirchen ihre Botschaft.
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