"Der Mensch ist ein expansives Wesen mit struktureller Demenz", spricht Barbara Schnitzler und blickt dabei vom Bühnenrand in imaginäre Weiten. Versunken, als würde sie träumen, gibt sie den uralten Menschheitswillen wieder, die Natur zu beherrschen. Koste es was es wolle. Dass sie bei ihrem Monolog einen weißen Regenmantel und Gummistiefel trägt, unterscheidet sie rein äußerlich von der klassischen Seherin. Ist dafür aber praktisch, denn es kann jederzeit wieder losgehen.
"Es", das ist der Regen, der im Sommer 1997 einsetzt und nicht wieder aufhören will. Der Regen, der zunächst in Tschechien und Polen weite Landesteile überflutet und am 8. Juli zu einer ersten Hochwasserwarnung in Brandenburg führt. Am Ende der Katastrophe, die Tausende Helfer fast zwei Monate in Atem hält, sind 114 Tote in Polen und Tschechien zu beklagen. Die Schäden in Deutschland belaufen sich auf 330 Millionen Euro.
Wie war das damals? Was habt ihr erlebt, was habt ihr verloren? Wie wurde die Hilfe koordiniert, wie habt ihr euch gefühlt, als ihr eure Häuser verlassen musstet? Regisseur Tobias Rausch hat mit "Oder Bruch" ein Stück entwickelt, das sich auf etwa 100 Interviews mit Zeitzeugen stützt. Nicht allein Dokumentation, sondern vor allem Spiel steht im Vordergrund der knapp zweistündigen Aufführung, die das Deutsche Theater Berlin (DT) in Zusammenarbeit mit der Neuen Bühne Senftenberg (NBS) am Dienstag zur Uraufführung brachte.
Überraschenderweise ist die von Rausch erzählte Geschichte der Katastrophe oftmals komisch - vor allem wenn es um das fast skurrile Organisationschaos zu Beginn des Hochwassers geht. Barbara Schnitzler, Barbara Heynen, Bernd Stempel (alle DT), Juschka Spitzer, Marco Matthes und Friedrich Rößiger (alle NBS) gelingt es anscheinend mühelos, aus der klamottigen Sandsack-Befüll-Szene zur herzzerreißenden Episode zu springen, in der Vati dem Rest der Familie erzählt, wie er das überflutete Heim vorgefunden hat: "Der Schrank sah aus wie ein versunkener Tanker".
Das beeindruckend einfache wie kluge Bühnenbild (Michael Böhler) ermöglicht den Schauspielern, die Schräge als Deich oder Dach zu nutzen, teils abblätternde Blümchentapete genügt, um klar zu machen: Manche haben hier alles verloren.
Ob die Rolle der Hilfskräfte, der Medien, der alberne Besuch des Bundeskanzlers am Krisenort, Hahnenkämpfe verantwortlicher Politiker, das Unglück der Evakuierten, Vertreibung, Verteilungskämpfe um die Spenden und Hilfsbereitschaft von Ost und West - alle Aspekte der Katastrophe werden beleuchtet und besprochen. Auch: Wo ziehen wir die Grenze zwischen Rücksicht auf die Natur und dem Willen zur Expansion?
Dem Ensemble gelingt es trotz aller Themenschlenker, das Publikum zu bannen: Das lacht über den brüllend komischen Deichläufer (Bernd Stempel) und lässt sich im nächsten Moment von Marco Matthes zutiefst rühren, der vom Schicksal der bei der Evakuierung zu Tode getrampelten Ferkel erzählt.
"Oder Bruch" ist aufregendes Theater, das durch die Lande ziehen sollte. Nicht nur von Berlin nach Senftenberg, sondern durch die Region. Schließlich wird selten auf der Bühne so konkret verhandelt, was die Menschen im Zuschauerraum bewegt hat. Oder bewegt. Denn "Oder Bruch" macht auch klar: Das Wasser wird wiederkommen.
Vorstellungen: 17. und 18.2., 2. und 3.3., Neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage 1, Kartentelefon: 03573 801286, 12., 13. und 25.3., Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Berlin-Mitte, Kartentelefon: 030 28441225