Kabarettist und Schauspieler, Produzent und Dokumentarfilmer: Auch im Rentenalter ist Wolfgang Stumph nicht zu bremsen, wenn auch seltener auf Bildschirm und Leinwand zu sehen. Dabei lässt er sich selbst von einer Pandemie nicht aufhalten, drehte 2020 seinen fünften Dokumentarfilm und ermittelte noch einmal als Wilfried Stubbe. Den hatte Stumph eigentlich 2014 in Pension geschickt. Der in Schlesien geborene Mime, für den Dresden seit dem ersten Lebensjahr Heimatstadt ist und der am kommenden Sonntag (31. Januar) 75 Jahre alt wird, sprudelt weiter vor Ideen und Tatendrang.
„Ich trete ja schon kürzer und mache weniger“, sagt er und lacht. „Ich versuche, Leben und Arbeit mehr zu genießen, weil ich sie insgesamt reduziere.“ Nach fast 50 Berufsjahren muss der leidenschaftliche Kabarettist sich und anderen nichts mehr beweisen. Dennoch kann er die Hände nicht in den Schoß legen und hat stets Pläne, auch für das neue Lebensjahr. „Ich werde bestimmt wieder einen Dokumentarfilm drehen.“

Viele Rollen, ein Markenzeichen

Struuz, Stankoweit, Stankowski, Strunz, Stille, Stolz oder Stubbe, bei all seinen Figuren muss „immer ein bisschen von meinem
"Stumph-sinn" dabei sein“, sagt er und meint seine Haltung und Moral. Auch bei Nebenrollen achtet er genau darauf, „wofür ich mein Gesicht und meinen Namen hergebe“. Und mischt sich ein in die Projekte, ist oft deren Initiator und Motor - vom Drehbuch bis zum Schnitt - und seit einigen Jahren auch Produzent.
Auch mit „Blindgänger“, „Bankraub für Anfänger“, „Stankowskis Millionen“ oder „Die Insassen“ brachte er Themen ins TV, die dem politisch Interessierten unter den Nägeln brennen - teils auch als Komödie getarnt, aber mit dem nötigen Ernst. Die guten Einschaltquoten und seine hohe Popularität zeigen, dass er damit den Nerv des Publikums bundesweit trifft.
Stumph nennt das Verantwortung übernehmen, statt etwas „mit sich machen lassen“, ihm geht es um Authentizität. „Ich spiele weder vom Blatt noch fürs Geld, ich habe ein Anliegen.“ So hatte er mit 70 noch einmal Neuland betreten und inzwischen vier Dokumentarfilme zum Thema Heimatliebe gedreht - in Ost und West. Und seit 2002 gibt er sogar in einer Oper regelmäßig sächselnd seine Meinung zu Politik und Gesellschaft zum Besten - als Gefängniswärter Frosch in „Die Fledermaus“ an der Dresdner Semperoper.

Kabarett seit jungen Jahren

Kabarett machte Stumph schon in der Schulzeit und pflegte sein darstellerisches Talent dann während Kesselbauer-Lehre und Ingenieurpädagogik-Studium. Als Schauspielstudent gründete er das Amateur-Kabarett „Die Lachkarte“ in Dresden, in der „Herkuleskeule“ und bei Gunther Emmerlichs „Showkolade“ reizte er die Grenzen der gestatteten Satire aus. 1990 dann eroberte „Stumpi“, wie der Mime nicht nur von Fans genannt wird, das gesamtdeutsche Kinopublikum - als Lehrer Udo Struutz in „Go Trabi Go“.
Die Geschichte der Ost-Familie, die mit Trabi „Schorsch“ nach Italien reist, wurde zum Klassiker. Und Stumph machte auch Karriere im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Seine Sitcoms „Salto Postale“ und „Salto Kommunale“ im ZDF trafen Nerv, Zeitgeist und Lachmuskeln der Zuschauer: mit Schwejkscher Art und sächsischer Schlitzohrigkeit bringt er das Leben der kleinen Leute auf den Bildschirm.
Auch mit der Krimireihe „Stubbe - Von Fall zu Fall“, die zugleich Familiengeschichte ist und in der Stumphs Tochter heranwächst - vor der Kamera als Christiane Stubbe und zur Schauspielkollegin Stephanie Stumph.

Vielseitigkeit ohne Grenzen

In bisher mehr als 100 Filmrollen in Kino und TV sowie zahlreichen Bühnenprogrammen hat er Themen gesetzt, die ihn bewegen: er machte einen Arbeitslosen zum Ministerpräsidenten, war Klo-Mann im Bundestag, raufte sich im Hochwasser mit einem Wessi zusammen, bewahrte ein Flüchtlingsmädchen vor der Abschiebung und räumte in einer Wellnessklinik auf, statt seinen Burn-out behandeln zu lassen. Stumph betont, dass er dies nur mit guten Autoren, Regisseuren und engagiertem Team leisten kann.
Als Rentner genießt der vielfach preisgekrönte Künstler, der weder Agentur noch Manager hat, die Freiheit, Projekte auszuwählen, eigene Ideen zu befördern und auch „Nein“ zu sagen. Zumal die Familie und ein großer Freundeskreis gepflegt werden wollen. „Ich wollte mich immer persönlich einbringen, und das ist der Sinn eines Kabarettist-Seins“, sagt er. Sich öffentlich zu machen, bringe Verantwortung mit sich, da gebe es auch mal Stolpersteine. „Na und. Ganz schön wird’s nie; obwohl ich immer will, dass es schön wird.“