Bei einer Rede zum Thema "Wer sind wir?" hat Bundespräsident Joachim Gauck offenbart, dass er mitunter Schwierigkeiten hat, "Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund" richtig anzusprechen. Viele Angehörige einer sichtbaren Minderheit hätten oft keine eigene Zuwanderungsgeschichte. Sie sind in Deutschland geboren und wollen entsprechend wahrgenommen werden. Die Begriffe Bio- oder Neudeutsche seien genauso problematisch. Dabei geht es um mehr als die politisch-korrekte Bezeichnung. "Zwischen unseren Worten und unserer Wirklichkeit klafft eine Lücke", sagte Gauck. Und Identitätsveränderung und Mentalitätswandel vollzögen sich langsam. Er selber ziehe es vor, von Menschen zu sprechen, die aus Einwandererfamilien stammten.
Gauck nutzt einen Begriff aus einem Glossar, das Formulierungshilfen anbietet, Hilfen "für die Berichterstattung im Einwanderungsland". Die Neuen deutschen Medienmacher, ein Zusammenschluss von Journalisten mit und ohne Einwanderungsgeschichte, brachten ihn 2014 heraus. Mittlerweile wird die Broschüre in der dritten Auflage erscheinen und bei der Verwaltung, Justiz, Polizei, an Journalistenschulen, in Redaktionen und Universitäten verwendet.
Viele Menschen sind unsicher, wie sie zum Beispiel über einen dunkelhäutigen Menschen in Deutschland reden sollen, sofern seine Hautfarbe eine Relevanz für das Erzählte hat. "Eins ist sicher: Wenn man ständig von Ausländern spricht oder sogar von Ausländern mit deutschem Pass, dann ist es nicht nur sachlich falsch, sondern auch ausgrenzend", sagt Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher. Bei einer allgemeinen Bezeichnung bestehe zudem die Gefahr, dass der Eindruck einer homogenen Gruppe entsteht: Dabei habe ein Aussiedler mit den Flüchtlingen aus dem Libanon so wenig gemeinsam wie kemalistische Türken mit kurdischen Feministinnen.
Manchmal müsse man eine Gruppe pauschal benennen, sagt die erfahrene Rundfunk-Journalistin. Dafür sollen die Formulierungshilfen und Alternativvorschläge für den Alltag dienen. Weg von offen oder unterschwellig wertenden Benennungen zu mehr Präzision. Wie können wir die Menschen bezeichnen, deren Familien aus einem anderen Land nach Deutschland kamen, ohne sie zu diskriminieren? Fünf Themenbereiche umfasst das Glossar: Migration, Asyl, Islam, Kriminalitätsberichterstattung und die Rubrik "Wer sind wir? Wer sind die anderen?" Also Bezeichnungen für Mehrheiten und Minderheiten in der Gesellschaft.
"Wir wollen mit dem Glossar nicht den gesamten Sprachgebrauch verändern, auch nichts diktieren oder verbieten", sagt Konstantina Vassiliou-Enz. Die Vorschläge sollen einen Denkanstoß liefern. Sind die Begriffe, die jeden Tag verwendet werden, richtig? Was passiert, wenn ich sie benutze, was kommuniziere ich damit, und will ich das wirklich oder weiß ich es nur nicht besser? Wenn ich von Migranten spreche, und das sind Menschen, die überhaupt nicht migriert sind, dann unterstelle ich da etwas, was nicht korrekt ist. Oder der "Migrationshintergrund" - er klingt für viele, die er beschreibt, nicht positiv oder neutral, sondern wird eher als Merkmal einer Problemgruppe wahrgenommen. Als Abweichung von der Norm. Das kommt daher, dass meistens in problematischen Zusammenhängen vom Migrationshintergrund die Rede ist, etwa in Debatten um Kriminalität, gescheiterte Integration und mangelnde Bildungschancen.
Es sind nur Worte, sagen die Kritiker des sogenannten Wordings, also der Benutzung richtiger Begriffe. Nein, widerspricht die Journalistin und warnt: Sprachgebrauch bleibt selten ohne Folgen. "Sprache ist ein Teil der Realität", sagt Vassiliou-Enz. "Wenn ich etwas benenne, dann ist es in der Welt. Wenn nicht, dann nicht. Es klingt anders, wenn ich sage, das ist ein Deutscher oder ein türkischstämmiger Deutscher. Und im Journalismus sind Feinheiten wichtig: Wenn ich vom Libanesen Khaled B. aus Potsdam spreche oder schreibe, dann betone ich in erster Linie, dass der Mann Libanese ist; steht da aber der Potsdamer Khaled B., erzähle ich damit vielmehr, dass Potsdamer unterschiedliche Namen und Biografien haben."
Problematisch sei es vor allem, wenn es um Kriminalitätsberichterstattung geht. Der Täter war osteuropäischer Herkunft oder arabischstämmig, heißt es oft. Das Glossar meint dazu: Die Herkunft des Täters sollte nur dann explizit genannt werden, wenn ein Bezug zur Tat besteht oder die Information zum Verständnis nötig ist. "Es ist auch nicht üblich, von deutschstämmigen Tätern zu sprechen oder die Schuhgröße des Verdächtigen anzugeben. Solche Berichterstattung folgt einem Weltbild, das es zu hinterfragen gilt", sagt Vassiliou-Enz. Auch im Pressekodex sei es so verankert, und das sei "wahrlich kein Pamphlet für Gutmenschentum".
Die Berichterstattung zu der NSU-Mordserie war die Initialzündung für die Entstehung des Glossars. Selbst in den seriösesten Medien, wie der Tagesschau, war die Rede von "Dönermorden", eine Bezeichnung für die Serie rechtsextremer Taten, die die Opfer beleidigte, ausgrenzte und pauschalisierte. "Wir fanden es nicht richtig und haben in einer Stellungnahme Formulierungshilfen für Medienkollegen herausgebracht. Darin haben wir erklärt, warum man unserer Ansicht nach "Dönermorde' nicht sagen sollte, sondern zum Beispiel besser Neonazi-Mordserie, haben Vorschläge gemacht, wie man die Opfer und die Motive adäquat benennen kann und angeregt darüber nachzudenken, ob die Taten wirklich als fremdenfeindlich bezeichnet werden sollten. Denn die Menschen, die getötet wurden, waren schließlich nicht fremd. Sie waren hier seit Jahrzehnten zu Hause, und nur weil die Neonazis ihre Opfer als Fremde ansahen, muss man es ihnen nicht gleichtun. Deshalb haben wir empfohlen, von rassistischen Motiven zu sprechen." Die Formulierungshilfen fanden ein großes Echo und sorgten für rege Diskussionen. "Da sah man sehr deutlich: Es gibt Bedarf", meint die Geschäftsführerin und appelliert, in jeder Hinsicht sorgfältig mit Sprache zu sein.
Sie nennt als Beispiel die Berichterstattung im Bereich Wirtschaft: Wenn jemand darüber schreibt oder spricht, informiert er sich ganz selbstverständlich über die richtigen Fachwörter und Bezeichnungen, die diesbezüglich verwendet werden. Wenn über Integration, Migration und Flüchtlinge gesprochen oder geschrieben wird - nicht. Vielen falle es schwer, dies als Fachgebiet zu sehen. Man meint, sich darin auszukennen, wie mit einem Alltagsthema. Ein Trugschluss. Die Sachverhalte sind kompliziert. Dabei geht es oft nicht um politisch korrekte Begriffe sondern um Richtigkeit und Präzision.
Wenn es zum Beispiel um geflüchtete Menschen geht, beachtet kaum jemand den Unterschied zwischen Asyl- und Flüchtlingsschutz. Oder wenn immer wieder von Asylmissbrauch die Rede ist, wo es gar kein Missbrauch sein kann, ein Recht - das Grundrecht auf Asyl - einzufordern. Selbst wenn es abgelehnt wird, man übt sein Recht aus, mehr nicht. Missbräuchlich wäre erst ein Betrug, der aber aufgrund der sehr strengen Prüfungen kaum möglich ist.
"Präzise zu schreiben und zu sprechen, das kann man im Deutschen leisten, ohne zu werten", betont Vassiliou-Enz. Ob sich das Glossar durchsetzt, kann sie nicht sagen. Schlecht fände sie es nicht. Schließlich können "Worte sein wie winzige Arsendosen, und nach einiger Zeit ist die Wirkung da", schrieb bereits der Sprachwissenschaftler Victor Klemperer in seinem berühmten Buch "LTI", über die Sprache des Dritten Reiches.