Eigentlich ist alles wie immer: Die aus der Zehnten stehen auf dem Schulhof und quatschen, aber Lucie (15) ist heute irgendwie nicht richtig dabei, dauernd starrt sie zur Seite. Schnitt. In einer Ecke wird ein Mädchen fertiggemacht, geschubst, vielleicht geschlagen. Schnitt. Nur Lucie scheint das mitzukriegen. Was wird sie tun?
Nur wenige Sekunden lang wird diese Filmsequenz später sein, die vor einigen Tagen auf dem Hof der Freien Waldorfschule in Frankfurt (Oder) gedreht wurde. Entwickelt haben sie die Schüler selbst im Rahmen des Workshops „Den Augenblick festhalten“.
Es geht um eine Verbindung zwischen den 30er-Jahren und heute. Die Schüler haben sich mithilfe von Regisseur Boris von Poser und Kameramann André Krummel mit der Situation jüdischer Jugendlicher beschäftigt, die sich in Brandenburg auf eine Ausreise nach Palästina vorbereitet haben. „Ich wollte nicht nur den Horror thematisieren, sondern auch die Utopie, das Abenteuer. Dass Vertraute verlassen – das ist ein Lebensgefühl, an das Gleichaltrige heute anknüpfen können“, sagt von Poser, der bereits ein Theaterstück zum Thema inszeniert hat, das auf dem Roman „Sommer in Brandenburg“ von Urs Faes basiert.
Ist das möglich – sich in einen 16-Jährigen im Jahre 1939 hineinzuversetzen? „Nicht in der Dimension und Tragik, klar“, findet Konrad (16). „Aber im Kleinen schon.“ Seine Gruppe hat eine zweite Szene gedreht, in der Klassenkamerad Robin (16) ohne Handy überall gegen Mauern läuft, weil alle anderen ihr Smartphone zücken. Das sei im Vergleich „natürlich eine sehr milde Form der Ausgrenzung“, betonen sie.
Die Schüler sind konzentriert dabei, agieren völlig frei vor der Kamera, obwohl zwischendurch Mitschüler durch die Szene laufen und Lehrer zusehen. Kein Problem, finden Konrad und Robin, immerhin gehörten Auftritte und Theaterspiel an der Schule zum Alltag. „Uns ist generell eigentlich nie was peinlich“, sagt Zehntklässler Konrad und lacht.
Er hat sich schon zuvor mit der NS-Zeit beschäftigt, durch das Projekt habe er trotzdem viel Neues erfahren. Als Einstieg hat die Klasse eine Exkursion nach Neuendorf im Sande (Oder-Spree) gemacht, wo eines der sogenannten Hachschara-Zentren war. Dort wurden Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren, viele aus Berlin, für ein neues Leben im Kibbuz ausgebildet. Einige gelangten tatsächlich nach Palästina und in andere Länder, andere fanden – als die Stätten zu Arbeitslagern umfunktioniert wurden – dort den Tod oder wurden nach Auschwitz deportiert. Einer der Überlebenden war etwa der spätere Showmaster Hans Rosenthal.
Über diese Einstimmung am Originalort sowie Fotos und Szenen aus dem Roman habe die Klasse über eigene Erfahrungen mit Ausgrenzung gesprochen und darüber, wie es wäre, selbst das heutige Deutschland verlassen zu müssen; davon ausgehend wurden Bilder entwickelt, erzählt von Poser. Parallel gab es eine Einführung in den Aufbau einer Szene und ein kleines Schauspieltraining. Drei halbe Tage, nur eine Kamera, ein straffer Zeitplan – mit dem Ergebnis sei er trotzdem sehr zufrieden, sagt der Regisseur.
Der Workshop war Teil des MAX-Projektes, ein kulturelles Bildungsprogramm, angebunden ans Brandenburgische Staatsorchester in Frankfurt (Oder); alle diesjährigen Ergebnisse werden im November präsentiert.
In Neuendorf selbst, wo noch etliche historische Gebäude stehen, könnte indes künftig eine Art Hachschara 2.0. entstehen: Nach langen Verhandlungen ist das geschichtsträchtige Areal im August verkauft worden; nicht an einen Investor, sondern mithilfe zweier Stiftungen an den Verein „Zusammen in Neuendorf S.A.N.D.E“. Auf dem Landgut sollen laut der Internetseite des Vereines Handwerksberufe aufleben, auch ökologische Landwirtschaft sei geplant.
Dort könnten nun temporäre Projekte und dauerhafte Initiativen der Erinnerung realisiert werden, sagte der Vorsitzende des seit vielen Jahren aktiven Vereins „Kulturscheune Neuendorf im Sande“, Arnold Bischinger.  Ab Dienstag (2.10.) zeigt eine Ausstellung, die sein Verein konzipiert hat, in Potsdam exemplarisch 16 Lebensläufe ehemaliger Hachschara-Jugendlicher.
Und wie entscheidet sich denn nun Lucie – eingreifen oder weggucken? „Das bleibt offen“, sagt die 15-Jährige. „Damit muss der Zuschauer klarkommen.“
Ausstellung „zwischen/raum. Jüdisches Landwerk Neuendorf 1932–1943“, Landtag, Potsdam, Eröffnung Dienstag (2.10.), 18 Uhr, mit Liedern von theater.land, dann bis 3.1.; Präsentation des Filmes und anderer MAX-Projekte am 24.11., 18 Uhr, Konzerthalle, Frankfurt (Oder)