Der Ton wird zunehmend dringlicher – und die Zuschriften immer zahlreicher. Waren die ersten Eingaben noch von Zurückhaltung geprägt, ist wenige Wochen später von „Befremden“, „Zorn und Ohnmacht“, „Verbitterung“, „übereifrigem Abriss“ und „großangelegter Zerstörung“ zu lesen. Die Adressaten im Kulturministerium der DDR und in der Potsdamer Stadtverwaltung wirken zunehmend ratlos, empfehlen angesichts der sich häufenden Kritik eine bessere Öffentlichkeitsarbeit und delegieren die Beantwortung der Eingaben.
Es geht um geplante Abrisse in der Zweiten Barocken Stadterweiterung in Potsdam, den Straßen rund um Dortu-, Jäger- und Gutenbergstraße – und um eine sich formierende Bürgerprotestbewegung, die hier und in anderen Städten Ostdeutschlands nahtlos in die Protestbewegungen des Herbst 1989 aufging. Die Altstadtgruppen, wie es sie so oder ähnlich auch in Städten wie Frankfurt (Oder), Neuruppin, Greifswald oder Halle gab, protestieren gegen Abrisse denkmalgeschützter Altbauten und den Ersatz durch Typenbauten in Industrieplattenbauweise.

Die Wende 1989 war Rettung in letzter Minute

In Potsdam herrschte angesichts des bevorstehenden 1000-jährigen Stadtjubiläums 1993 besonderer Handlungsbedarf. Fotografien von Stadtaktivisten wie Michael Heinroth oder Eberhard Thonfeld dokumentieren leergezogene Gebäude, die dem Verfall preisgegeben sind. Für viele dieser Altstädte kam die Wende 1989 gerade noch rechtzeitig. „Wenige Monate später hätte der Zustand zu großflächigen Abrisssmaßnahmen geführt“, so einer der an der Ausstellung beteiligten Wissenschaftler.
Mit „Stadtwende. Bürgergruppen gegen den Altstadtverfall in der DDR“ hat die Technische Universität Kaiserslautern unter Professor Holger Schmidt in einem vierjährigen Forschungsprojekt Daten zu Verfall, Abriss und bürgerschaftlichen Engagement in mehreren ostdeutschen Städten gesammelt. Sie dokumentieren die vier „Bauzustandsstufen“ – Stufe III und IV, „schlechter Zustand“ und „unbenutzbar“, bedeutete eigentlich das Todesurteil für die betroffenen Bauten und umfasste 1979/80 fast fünfzig Prozent des Baubestands vor 1870. Helga Paris hat in ihrer Fotostudie „Diva in Grau“ am Beispiel Halle den dramatischen Verfall der Innenstadt dokumentiert.
„Bröckelnde Fassaden, einstürzende Dächer, Leerstand und schließlich der Abbruch zahlreicher Altbauten“, so beschrieb der Kurator Professor Holger Schmidt den desolaten Zustand zahlreicher Innenstädte in der DDR Ende der 1980er Jahre. In der gleichen Zeit hatten sich aber auch schon in 20 Städten Bürgergruppen für den Erhalt der Bausubstanz eingesetzt, oftmals gegen Schikanen der Stasi.

Schauspieler lesen Eingaben besorger Bürger

Für die nun im Potsdam Museum gezeigte Station der Wanderausstellung hat Architekturhistoriker Frank Peter Jäger einen erweiterten Potsdam-Teil konzipiert, der lokale Initiativen wie Argus oder die Interessengemeinschaft Pfingstberg in den Blick nimmt und neben eindrucksvollen Fotos auch besagte Eingaben besorgter Bürger dokumentiert. Zur Eröffnung lasen Schauspieler des Hans Otto Theaters aus den Dokumenten. Im Publikum sind viele der damals Aktiven.
Treffen der DDR-Stadtökologie-Gruppe im Holländischen Viertel Potsdam im Oktober 1989
Treffen der DDR-Stadtökologie-Gruppe im Holländischen Viertel Potsdam im Oktober 1989
© Foto: Potsdam Museum
Gezeigt werden Bilder der Kunstpreisträgerin Barbara Raetsch, die den Verfall der Altstadt dokumentiert, aber auch Tafeln einer Ausstellung „Suchet der Stadt Bestes“, mit der Stadtaktivisten den Bestand der Zweiten Barocken Stadterweiterung dokumentierten. Dass der Streit um Potsdams identitätsbildende Architektur noch lange nicht vorbei ist, zeigten aktuelle Bilder der unlängst abgerissenen DDR-Fachhochschule am Alten Markt sowie des umkämpften Rechenzentrums. „Ist der Drang nach historischer Rekonstruktion noch zeitgemäß“, fragt dazu eine Künstlergruppe „Team K“.
1989 hatten Studierende der Fachschule Potsdam mit einem Appell in den „Brandenburgischen Neuesten Nachrichten“ gegen den Flächenabriss in der Innenstadt protestiert. Ein Bild in der Ausstellung zeigt sie mit Plakaten auf der Straße. Man habe, so Kurator Falk Peter Jäger, alle Beteiligten namentlich identifizieren können. Und auch eine weitere wesentliche Frage geklärt: Was essen sie eigentlich alle auf dem Bild? Die Antwort lautet: Möhren.

Ausstellung „Stadtwende. Bürgergruppen gegen den Altstadtverfall in der DDR“, bis 12.2., Di–So 12–18 Uhr, Potsdam Museum, Am Alten Markt 9, Potsdam, www.potsdam-museum.de

Führungen und Diskussionen in Potsdam

Zur Ausstellung „Stadtwende“ wird ein umfangreiches Begleitprogramm angeboten: So gibt es am 12.1. ein Podiumsgespräch „Quo Vadis Potsdam?“, am 21. Januar einen Stadtspaziergang mit Zeitzeugen: „Bürger, schützt eure Denkmale“ und am 29.1. eine Kuratorenführung „Altstadtverfall - wie konnte es so weit kommen“. Infos: www.potsdam-museum.de