Ist es eine Umarmung? Oder sitzt hier jemand allein, in sich zusammengekauert? Leicht zu erkennen ist es nicht. „Aktzeichnungen“ heißt es auf der Plakette neben den drei gerahmten Werken. Doch die Kohlestriche haben auf dem rauen Papier kaum mehr als Schemen hinterlassen. Sie deuten an, tanzen auf dem malerischen Ereignishorizont hin zum Abstrakten.
Das gilt nicht nur für die drei Zeichnungen aus den Jahren 2013 und 2014. Auch die Bild- und Formsprache der Gemälde und Skulpturen, die die Kunstgalerie Altes Rathaus in Fürstenwalde seit Anfang Oktober ausstellt, ist so weit reduziert, dass kaum mehr als figurative Spuren übrig bleiben. Sie alle stammen aus den Händen desselben Künstlers: Joachim Böttcher.
Unter den ausgestellten Werken befinden sich auch diese drei "Aktzeichnungen" (2013/2014, Kohle auf Papier)
Unter den ausgestellten Werken befinden sich auch diese drei „Aktzeichnungen“ (2013/2014, Kohle auf Papier)
© Foto: Michael Heider

Schlaglicht auf Abstraktionen der jüngeren Schaffensperiode

Als eine „echte Hausnummer in Brandenburg“ bezeichnet Galerie-Mitarbeiter Daniel Becker den in Berlin und Stabeshöhe in der Uckermarck lebenden Maler und Bildhauer. Nicht als Retrospektive konzipiert, wirft die Ausstellung ihr Schlaglicht auf dessen jüngere, von Abstraktion geprägte Schaffensphase. „Man erkennt eine starke Reduktion im Vergleich zu Werken von früherer Zeit.“ Nicht nur nehme sich die Farbe in der Malerei sehr zurück, das Knallige trete in den Hintergrund, erklärt Becker die Wandlungen in Böttchers Werk. Auch insgesamt habe sich dieses deutlich in Richtung Skulptur verlagert.
Dem wird auch auf den 144 Quadratmetern Ausstellungsfläche in Fürstenwalde Rechnung getragen. Bedingt durch die räumliche Begrenzung des spätgotischen Baus erwarten die Besucherinnen und Besucher zwar nur wenige Objekte aus dem gigantischen Archiv des Künstlers, das Arbeiten aus fünf Jahrzehnten umfasst – in der Summe nur 15 Gemälde und zehn Skulpturen. Doch es sind aussagekräftige Stücke, deren Auswahl und Komposition ein harmonisches Zusammenspiel erzeugen. Die Gemälde und Skulpturen stehen nicht nebeneinander, sie ergänzen sich vielmehr, treten in Dialog – und bilden eine Einheit.
Starke Verlagerung hin zu Skulpturen: "offene Figur" (1997/99, Steinguss (2017))
Starke Verlagerung hin zu Skulpturen: "offene Figur" (1997/99, Steinguss (2017))
© Foto: Michael Heider

Egal ob Zeichnung, Skulptur oder Gemälde – Böttchers Handschrift ist deutlich erkennbar

Auf der einen Seite dominiert Weiß und Schwarz – Kreide, Kohle, gekalktes Holz, auf der anderen die erdigen Töne dunkler Bronzen und großflächiger Gemälde. Doch ganz gleich, welches Material Böttcher auch nutzt, seine Handschrift ist deutlich erkennbar.
Ob es nun mit der Axt bearbeitete Skulpturen mit groben Konturen sind oder Leinwände unter ausufernden Farbschichten: immer wieder bricht er die Oberflächen auf, zieht Furchen, lässt Kratzer über die gesamte Bildbreite laufen. „Er zeichnet in der Malerei, er zeichnet in der Skulptur“, so beschreibt Daniel Becker die Arbeitsweise Böttchers.

Weniger Erkennen, vielmehr Erleben

Landschaft und Akt sind Themen mit starker Präsenz im Werk des mittlerweile 75-jährigen Künstlers – das klingt auch im Alten Rathaus in Fürstenwalde an. Die dortigen Werke tragen Titel wie „Feld“ und „mit Gehöft“, aber eben auch „Schwung“, „Liegend“ oder einfach nur „Figur“. Es sind Impulse für Interpretationen.
Grundgedanken, die vielleicht noch in der Wirklichkeit beheimatet sind, am Ende aber stets in eine offene Formensprache drängen. Das zur Schau Gestellte erzeugt so eine beinah auratische Stimmung, bietet eine emotionale Erfahrung. Wer sich ihr gegenüber offen zeigt, wird vielleicht nicht immer etwas erkennen – aber ganz sicher erleben.

Zur Person

Joachim Böttcher wurde 1946 im thüringischen Oberdorla geboren. Er studierte ab 1967 Malerei und Graphik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden und war Meisterschüler der Akademie der Künste in Berlin bei Werner Stötzer. Im Jahr 2000 nahm er einen Lehrauftrag für Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee an. Für seine bilderhauerische Arbeit erhielt 2010 den Brandenburgischen Kunstpreis der MOZ.

Öffnungszeiten und Eintritt

Die Ausstellung „Joachim Böttcher. Malerei, Zeichnung, Skulptur“ ist noch bis 12. November in der Kunstgalerie Altes Rathaus Fürstenwalde zu sehen. Anschrift: Am Markt 1, 15517 Fürstenwalde/Spree.
Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 13 bis 17 Uhr (bis 31. Oktober) bzw. 13 bis 16 Uhr (ab 1. November).
Der Eintritt kostet zwei Euro.
Weitere Informationen telefonisch unter 03361-710188