"Paris Calligrammes" scheint auch ein Film über ein verlorenes Paradies zu sein…
Nein, nur im Rückblick scheint das Paris jener Jahre paradiesisch. Und für mich war es damals, als ich sehr jung war, tatsächlich ein intellektuelles Paradies. Aber diese Menschen, denen ich damals begegnete, waren gezeichnet von ihren Erlebnissen und haben es mit einer unglaublichen Selbstdisziplin und einer gewissen Illusionslosigkeit geschafft, trotz ihrer sehr klaren Analyse der Zustände, weiter künstlerisch zu arbeiten. Ich glaube, ich war als sehr junger Mensch jemand, den sie auch formen und bilden wollten. Ja, man kann das so altmodisch sagen. Das war für mich etwas so Wertvolles und Großartiges, ich kann das kaum beschreiben.
Sie sprechen jetzt von der Buchhandlung Caligrammes, die der jüdische Emigrant Fritz Picard gegründet hatte, als einer Ihrer wichtigen Paris-Stationen.
Ja, dieser kleine Laden hatte eine internationale Wirkung, Intellektuelle aus der ganzen Welt kamen bei ihrer Ankunft in Europa zuerst in diesen Laden, um sich zu informieren, zu diskutieren. Das war ein unglaublicher Ort und – über den Verlauf der Zeit betrachtet – eine erstaunlich standhafte Truppe, die bestimmte demokratische Werte hochhielt aber auch wusste, dass die Kunst ihre Freiheit braucht.
Wie haben Sie diesen Ort gefunden?
Das erzähle ich im Film nicht; tatsächlich hatte meine Mutter mich mit Fritz Picard bekannt gemacht, den sie von ganz früher, aus ihrer Berliner Zeit, kannte. Noch bevor ich allein nach Paris ging, war ich mit meinen Eltern dort. Da wurde dieser Kontakt geschaffen.
Sie kamen aus einem frankophilen Haushalt?
Frankophil waren damals alle. Das ist ja etwas, worüber in Deutschland nie gesprochen wird: Meine Generation – bei uns waren es die Franzosen, bei anderen die Amerikaner oder die Briten oder die Russen – ist geprägt davon. Es gab ja auch die Kulturoffiziere, und in Süddeutschland war das kein Geringerer als Alfred Döblin, der als französischer Kulturoffizier etwa französische Texte nach Deutschland brachte; die hatten einen sehr starken Einfluss. Ich bin ja nicht die Einzige, die nach Frankreich gegangen ist: Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta, Ula Stöckl; und kürzlich habe ich von Wim Wenders erfahren, dass auch er da war, aber wir sind uns nicht begegnet. Gerade wir, die jungen Deutschen, haben in Paris eine Menge gelernt. Wir sind von dieser Kultur sehr geprägt, weil die deutsche damals nichts zu bieten hatte. Da herrschte Kontinuität der alten Garde.
Aus Ihrem Film spricht eine gewisse Melancholie.
Natürlich. Aber damals war ich jung und habe wirklich gelernt, was Ideologien Schreckliches anrichten können. Und das ist ja bis heute so: Wir leben doch in einer Zeit, in der völlig abstruse Ideologien überhandgenommen haben und völlige Amoralität im politischen Bereich herrscht. Ich habe damals ein Instrumentarium erworben, das einem dabei hilft, die Dinge, die um einen herum passieren, ein wenig einzuordnen.
War Politik damals ein wichtiges Thema für Sie?
Ja, sicher: In meiner ersten Zeit in Paris befanden wir uns alle in ständigen Diskussionen und Reibungen, bis Anfang 1969 alles in einem Linksfaschismus der Maoisten – man kann das nicht anders nennen – kulminierte. Das war eine Brutalität, die ich nur noch abstoßend fand. Die Maoisten hatten ja keine Ahnung, was in China vor sich ging, weil sie alles nur durch die Brille der Propaganda sahen, aber wenn man sich Bilder dieser Aufmärsche anschaute… da waren meine ethnologischen Interessen zu stark, um solchen Sachen auf den Leim zu gehen.
Werfen Sie das der Bewegung von 1968 vor?
Reformen waren notwendig, bei uns, in Frankreich, in ganz Europa, aber das ist irgendwie falsch angegangen worden, und je länger es dauerte, desto mehr ist das Ziel aus den Augen geraten. Das ist tragisch, und ich habe damals sehr darunter gelitten. Und ich habe einige meiner Freunde verloren, die sich in einer Weise radikalisiert haben, die ich nicht mehr nachvollziehen konnte.
Haben Sie selbst denn damals eine eindeutige politische Position gehabt?
Doch, die hatte ich schon. Ich habe ja einerseits mit meinen französischen Freunden diskutiert und andererseits mit diesen alten Marxisten, die etwa in Johnny Friedlaenders Atelier, wo ich Radiertechniken gelernt habe, verkehrten. Ich hatte durch sie ein Korrektiv, was andere vielleicht nicht hatten. Da waren ja Spanienkämpfer dabei, auch Menschen, die wirklich wussten, was Stalinismus ist.
Wurden Sie von diesen Leuten ernstgenommen?
In diesem Kreis sehr. Aber wenn ich zum Beispiel in die Cinémathèque ging, hätte ich mich nicht getraut, Lotte Eisner anzusprechen, die ich sehr verehrte. In diesem Kreis um Picard habe ich zwar auch den Mund aufgemacht, aber vielleicht habe ich noch mehr zugehört. Ich war mit Claire Goll und Walter Mehring auch privat ganz viel zusammen. Mehring erzählte und erzählte, das war wunderbar. Die Filmleute habe ich später kennengelernt. Etwa Jean Rouch, ich kannte alle seine Filme, ging zu den Diskussionsveranstaltungen, aber da war ich zu schüchtern, um den Mund aufzumachen.
Sie wollten ja auch offenbar nicht von Anfang an Filmemacherin werden.
Nein, ich wollte zur Bildenden Kunst. In meiner Malerei, die ja auch in "Paris Calligrammes" vorkommt, sind schon viele Elemente aus dem Film präsent. Beeinflusst hat uns damals zum Beispiel die bombastische Werbung, die in Frankreich vielleicht noch mehr auffiel, weil Paris doch auch etwas sehr Konservatives hatte. Frankreich war nicht so amerikanisch geprägt wie etwa Deutschland, und diese Elemente habe ich aufgenommen in meine Kunst. Alles, was mich umgab, ist mit eingeflossen. Auch die Bücher, die ich gelesen hatte, habe ich damals mit ausgestellt.
Wie sehen Sie Paris heute, wenn Sie hinfahren? Finden Sie noch Ihre Lieblingsorte wieder?
Paris zerfällt ja, die Cafés auf der Rive gauche sind geblieben, das Publikum ist natürlich teilweise auch touristisch, aber auch die alte Avantgarde verkehrt da noch, das wird natürlich immer weniger, durch den Lauf der Zeit. Ich bin sehr gern in Paris, aber ich möchte nicht dort leben. Damals habe ich gern dort gelebt, obwohl das in Paris sehr schwer ist, wenn man nur über wenig Geld verfügt. Es ist sonst sehr hart.
Sie haben jetzt selbst auch neues Material in Paris gedreht.
Ja, man kann immer noch, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht und seinen Blick ein bisschen erhebt, die Geschichte Frankreichs wirklich sehen. Ich habe zehn Tage in Paris gefilmt: Einige Orte, die emotional für mich sehr wichtig waren, konnte ich nicht mehr in ein interessantes Bild fassen. Ich habe auch Straßenfahrten gemacht mit der Kamera, diese aber überhaupt nicht verwendet, weil alles zugestellt ist mit Autos. Man sieht auf diesen Aufnahmen nur Blechlawinen. Frühmorgens war es an einigen Orten besser, zum Beispiel auf der Place de Furstemberg, wo das Delacroix-Museum ist. Dort im Innenhof hatte er sein Atelier. Dann die rue Jacob, wo die ganzen Buchhandlungen waren, die sind heute verschwunden zugunsten sehr teurer Galerien und auch afrikanischer Läden. Dort wird man dann von jungen afrikanischen Händlern angesprochen, die einen in Keller locken möchten, wo sie wie auch immer erworbene oder gefälschte afrikanische Kunstgegenstände verkaufen.
Sie haben Ihr Archivmaterial auch in Paris recherchiert.
Ja, ich musste ja meine eigene Geschichte montieren. Das war eine Herausforderung, die ich mir so schwierig vorher nicht gedacht hätte. In 500 Filmen – Spielfilme, Dokumentationen, Nachrichten – habe ich nach Themen, Namen, Orten, Ereignissen gesucht. Das war sehr aufwendig. Nur um ein Beispiel zu nennen: Wir haben oft sonntags auf dem großen Platz vor dem Musée de l’art moderne einen älteren Herrn beobachtet, der dort Rollschuh lief. Er hatte ein Kurbelgrammophon dabei, legte Platten auf und bewegte sich zu der Musik. Er war ganz altmodisch angezogen. Niemand fuhr damals Rollschuh, auch nicht die Kinder. Ich habe mich bemüht, Aufnahmen dieses Mannes zu finden, das war fast unmöglich. Schließlich fand ich Material, das nach meiner Pariser Zeit aufgenommen worden ist. Da war er nicht mehr so altmodisch angezogen. Aber immer noch schauen die Leute ihm schmunzelnd und beglückt zu, wie man sieht.
Es gibt auch weniger fröhliche Themen, etwa Algerien.
Ja, meine erste Schnittfassung hatte drei Stunden nur zu diesem Thema. Die waren mir nicht differenziert genug, und da habe ich gewusst, ich muss das ganz lassen. Ich habe das dann über meine Freunde erzählt, die diese Erfahrungen geprägt haben und sie künstlerisch umgesetzt haben.
Das ganze Material zu ordnen, ist sicher sehr schwierig,
Ja, am Anfang ist es ein Chaos, ein riesiger Berg, man muss immer weiter kondensieren, und oft ist es dann so, dass man die schönsten Elemente rausschmeißen muss, weil sie im Gesamtkontext nicht mehr funktionieren. Das war eine der anstrengendsten Arbeiten meines ganzen Lebens. Ich wollte meine Geschichte, meine Erlebnisse auch atmosphärisch zeigen. Es war hochinteressant, wenn auch sehr, sehr schwierig.
Sie nennen sich ja selbst eine Besessene…
Ja, das bin ich auch. Ich bin neugierig, möchte bestimmte Dinge verstehen. Wenn man recherchiert, kommt man in immer tiefere Schichten, deswegen erzählen meine Filme auch nicht auf dem direkten Weg von A nach Z, sondern mäandern, aber so ist ja das ganze Leben. Auf dieser Ebene denke ich, dass meine Filme eigentlich realistischer sind als viele, die sich als realistisch bezeichnen.
"Paris Calligrammes": 22.2., 16.15 Uhr Haus der Berliner Festspiele (mit Verleihung der Berlinale Kamera), 23.2. 17 Uhr Thalia Potsdam, 24.2. 12.30 Uhr Cubix