Zweieinhalbtausend Jahre alt ist die Familiengeschichte, die Aischylos in seiner einzig erhaltenen Trilogie, der „Orestie“, erzählt. Es ist eine blutige Geschichte von Gatten- und Muttermord, von Rache, Schuld und Vergeltung. Eine Geschichte, in der die von den Göttern abhängigen Menschen in ihr Verderben treiben. Diese Trilogie ist ein ungeheurer Brocken. Mal dauert sie fünf, mal, wie bei Peter Stein, dessen Prosafassung auch der Cottbusser Inszenierung zu Grunde liegt, gar acht Stunden. Die überzeugende Strichfassung von Regisseur Christian Schlüter und Dramaturgin Bettina Jantzen komprimiert das Geschehen auf intensive zweidreiviertel Stunden.
Die gruppendynamisierten und von Gundula Peuthert choreografisch formalisierten Szenen sind vom siebenköpfigen Körper eines kraftvollen Chores bestimmt. Das schafft Distanz. Pathos und Leidenschaft sind nicht gespielt, sondern werden zitiert und vorgeführt.
Die Chorszenen beeindrucken in ihrer darstellerischen Monotonie. Szenische Kraft besitzt die Inszenierung aber besonders, wenn die Einzelnen aus dem Chorkörper heraustreten und sich wieder einfügen. So wie Laura Maria Hänsel, die die Rolle der von Agamemnon als Kriegsbeute mitgebrachten Seherin Kassandra mit wunderbarer Expressivität und Leidenschaftlichkeit spielt.
Wenn dann im zweiten Teil der kollektiven Erinnerungsgeschichte ein großer, weißer Opferstein ins Geschehen rückt, wird überdeutlich, dass die Menschen noch nicht Herren ihres Geschehens sind. Nicht nur Elektra (beeindruckend sicher und intensiv: Johanna-Julia Spitzer), sondern vor allem Gott Apollon treibt den aus dem Exil heimgekehrten Sohn Orestes (Arndt Wille) dazu an, seine Mutter Klytaimestra und deren Geliebten zu töten. Worauf die Erinyen, die Rachegöttinnen, Orestes jagen. Der Schwierigkeit, diese hässlichen Wesen darzustellen, entzieht sich Schlüter, indem er deren ersten Auftritt als Theaterprobe mit den üblichen Witzchen arrangiert. Effekte statt Affekte.
Die Schlussszene gilt als Geburtsstunde der Demokratie. Weil Athene die Gesellschaft im Prozess gegen Orestes und auch in Zukunft entscheiden lässt. Doch gewonnen ist damit noch nichts, denn bei Stimmengleichheit entscheidet diesmal noch Athene. So sitzen am Schluss wieder alle Sieben an ihren Tischen, obwohl jetzt mit Entscheidungsbefugnis ausgestattet, und rufen wie zu Beginn nach der Änderung. Trotz punktueller Einwände ist dies eine starke Inszenierung und Ensemblearbeit.
Vorstellungen: 28.10., 16.11., Staatstheater Cottbus, Kartentelefon 0355 78242424